Marko Dinić / Die guten Tage

by Manuela Hofstätter on 17. September 2019

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Nominiert für den Franz-Tumler-Literaturpreis 2019

Es ist der sogenannte “Gastarbeiterexpress”, ein Eurolinerbus, in welchem unser Erzähler sitzt, er wird damit von Wien nach Belgrad rollen um nach zehn Jahren in der Diaspora heimzureisen um seiner geliebten Grossmutter die letzte Ehre zu erweisen. Die Grossmutter ist tot, doch er hat lebhafte Erinnerungen an diese kleine Frau mit den leuchtenden Augen und an deren Kraft, sie war es, die ihn ermunterte zu gehen, sie gab ihm Geld und einen Ring mit auf seinen Weg. Er erinnert sich an seine Kindheit, an den Ausnahmezustand der durch den Präsidenten ausgerufen wurde und die guten Noten für alle in der Schule, sie liebten den Kerl einzig darum und kürten ihn blind zum Helden, lernten zu hassen, was er ihnen zu hassen vorgab. Er erinnert sich an den Alltag mit Bomben, eine Kindheit, die von einem Vater dominiert war, der als Beamter immer sein Fähnchen nach der Regierung richtete, der die Wut immer im Herzen trug, so wie sein Vater zuvor und deren Väter schon allezeit. Eine Kindheit voller grosser Hoffnungslosigkeit, Schwarzmarkt, Drogen, kaputten Uniprofessoren, falscher Freunde und Kondomen an den Wäscheleinen. Jetzt also wird er auf den Vater treffen und auch auf die Mutter und Familie, er hasst sie allesamt. Im Bus herrscht eine ausgelassene Stimmung, ein Anführer ist erkoren und die Serben, die heim reisen tun, was sie am besten können, fressen, saufen und dreckige Witze reissen, er ärgert sich, doch neben ihm sitzt ein ganz ungewöhnlicher Typ, Gespräche mit diesem retten und verwirren ihn zugleich. Kann man die Serben so aburteilen, darf man das, darf er das? Die Stimmung im Bus bekommt eine neue Wendung und doch gelangt man nach Belgrad, der seltsame Sitznachbar ist verschwunden, auf unseren Erzähler warten schwierige Begegnungen, gealterte Eltern, ein Abschied und ein Wiedersehen mit der Stadt wie auch dem Typen aus dem Bus.

Fazit: “Hau ab, werde ein normaler Mensch, solange du kannst!” – Heftige Abrechnung mit serbischer Kindheit.
Serbische Väter sind “kalt, lieblos und brutal”, so vernommen vom Icherzähler in Marko Dinićs Roman “Die guten Tage”. Wir lesen über dessen Jugendjahre in Belgrad, eine schonungslose, krasse Berichterstattung. Belgrad, über 40-mal in Schutt und Asche gelegt, und doch haben manche Orte und Gebäude samt der Stimmung dort überlebt, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Fast findet der Erzähler in Belgrad ein wenig Trost, aber eben nur fast, denn dies ist kein schöner Roman, nein, dies ist eine glasklare Wahrheit, Dinićs Wahrheit, welche nicht leicht zu verkraften ist. Zuerst die Osmanen, dann die österreichischen Divisionen, dann die Deutschen und schlussendlich noch die NATO, doch das wirkliche Problem ist immer schon der Serbe selbst gewesen.

Meine Wertung: 8/10

Marko Dinić / Die guten Tage
Verlag: Zsolnay, Seiten: 240

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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