Mascha Dabić / Reibungsverluste

by Manuela Hofstätter on 12. September 2017

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Nominiert für den Franz-Tumler-Literaturpreis 2017

Nora lacht gerne mit Erika, so lässt sich die Arbeit und der Büroalltag besser ertragen. Nora arbeitet als Dolmetscherin in Wien und ist mit dem Übersetzen von Flüchtlingsberichten wie mit dem Dolmetschen bei Gesprächen mit Flüchtlingen zusammen mit der Psychoanalytikerin Roswitha stets sehr gefordert bis überfordert. Sie skypt gerne mit Olga in Russland. Vermisst Nora Russland? Schliesslich war sie ein paar Jahre dort. Nora hat mit Vladimir, ihrem Geliebten, in Russland gelebt, doch dann änderte sich alles und sie reiste Hals über Kopf zurück in ihre Heimat. Nora zerbricht manchmal fast, wenn sie Folterberichte für die UNO übersetzen muss, so viel Leid müssen Menschen ertragen, nun weiss Nora auch, dass eine Wasserflasche einerseits lebenserhaltende Flüssigkeit wie auch Folterinstrument ist, denn wenn man mit einer Wasserflasche zuschlägt, kann man erheblichen Schaden zufügen und sieht beim Opfer trotzdem keine blauen Flecken. Nora ist ein chaotischer Mensch, zumindest hat das Vladimir das so empfunden, tatsächlich zweifelt Nora gerne an sich, spricht mit ihren Pflanzen im Treppenhaus, welche sie meist vergisst zu giessen. Nora ist eine Vielleserin, eigentlich hat man sie nie ohne Roman gesehen, aber nun hat sie sich selbst eine Lesepause von drei Monaten auferlegt, sie will sich unbedingt beweisen, dass sie diese einhalten kann. Erika wettet auf das Gegenteil. Dolmetschen ist an sich schon keine einfache Sache, auch wenn Nora ein gutes Gefühl für Sprachen hat, aber die Arbeit mit Roswitha stellt eine zusätzliche Herausforderung dar, oft kämpft Nora gegen Lachanfälle an, wenn Roswitha Entspannungsübungen mit Flüchtlingen macht und sie Nora bittet, doch intensiver mitzugehen. Nora hat es nicht so mit der Psychoanalyse, Roswitha hingegen hat schon öfter ihre Dolmetscher verloren und befürchtet, dies könnte mit Nora auch schon bald wieder so weit sein. Roswitha ist sich sicher, dass Nora etwas belastet, aber sie kommt nicht an sie heran, gerne hätte sie ein solches Arbeitsverhältnis, wie das zwischen Nora und Erika herrscht. Lachen ist oft ein wichtiges Ventil in diesem harten Job. Finden Nora und Roswitha vielleicht doch noch besser zueinander?

Fazit: Es gibt keinen sicheren Ort!
Dieser Roman hat mich bewegt, erschüttert und eine tiefe Bewunderung für den Beruf der Dolmetscher ausgelöst, welche ich ja ohnehin absolut faszinierend finde mit ihrer Kunst, eben möglichst wenig “Reibungsverluste” beim Übersetzen von einer Sprache in die andere zu verursachen. Nebst der Flüchtlingsthematik mit Folter, Sprachlosigkeit und Traumata, hat mich die Sensibilität gegenüber allen Menschen im Roman berührt und ganz besonders reizvoll fand ich natürlich Noras Vorhaben einer Lesepause. Aber wichtig ist es auch noch zu berichten, dass dieser Roman trotz bestürzender und brandaktueller Thematik absolut heitere Sequenzen hat. Überhaupt, ich finde, das ist ein absolut feiner Roman, ich wähnte mich bei dieser Autorin und während des Lesens an einem vollkommen sicheren Ort!

Meine Wertung: 9/10

Mascha Dabić / Reibungsverluste
Verlag: Edition Atelier, Seiten: 152

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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