Meral Kureyshi / Elefanten im Garten

by Manuela Hofstätter on 8. September 2015

Post image for Meral Kureyshi / Elefanten im Garten

Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2015

Ein neues Land, eine neue Sprache, zuerst Sprachlosigkeit, eine notdürftige Unterkunft im Zivilschutzbunker in Bern, so kommt eine Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien, genauer aus Prizren im Kosovo, im Jahre 1992 in der Schweiz an. Hinter erleuchteten Fenstern sieht sie fremde Gesichter und deren Leben, wo ist ihr Leben? Später im Asylheim in Wilderswil wie auch schliesslich in Neuenegg und in Bümpliz gilt es, dieses neue Leben zu finden und zu erfinden. Dies tut die junge Icherzählerin und schenkt uns so etliche Momentaufnahmen eines Lebens oder möglichen Lebens. Sie hat eine neue Sprache erobert, um der Einsamkeit zu entkommen, es waren ja keine Grosseltern da und so der Drang, sich ausdrücken zu können wohl noch stärker. In der Schule kann sie keine Telefonnummer angeben, da sie natürlich keinen Anschluss haben, später kennt sie ihre Nummer auswendig und schreibt sie stolz in die Liste. Oft erinnert sie sich zurück, auch an die Heimat, spätere Reisen in die Heimat gestalteten sich aufwändig. Der Vater bestand darauf, dass ein Teil der Familie mit dem Auto reisen solle und der andere mit dem Zug. Sollte etwas passieren, wären sie nicht alle weg. Später erfährt die Tochter, welche diese Logik nicht so gerne hat, die Wahrheit über den Grund dieses getrennten Reisens. Doch dann muss die inzwischen Studierende den Verlust des Vaters hinnehmen, was nicht einfach ist und zur Mutter wird die Distanz auch grösser, denn die Sprache beginnt sie auch zu entfremden. Plötzlich ist die junge Frau diejenige welche, die in Bern nach einem Weg gefragt wird. Sie ist angekommen, voll und ganz und doch auch gar nicht. Und verliebt hat sie sich immer rasch, wenn er nur schon nett war, doch dann der Felix und ein Lager, unvergessene Pein, aus lauter Gefühl und Wollen. Nach zwölf Jahren in der Schweiz wurden sie nicht aufgenommen, in der Schule verabschiedeten sie sich schon mit bangem Herzen. Und nach den Ferien sass sie wieder im Klassenzimmer und wusste nicht, wie ihr geschah. Doch sie ist ihren Weg gegangen und geht ihn mit Worten jonglierend immer weiter.

Meral Kureyshi / Elefanten im Garten

Fazit: Heimat ist dort, wo man nicht sprachlos ist.
Diese Autorin hat einen Migrationshintergrund, der nun schon fast Vergessenheit bedeutet, doch sie hat sich die neue Sprache ihrer neuen Heimat erobert und diese gar studiert und sie weiss nun, die Worte zu nutzen wie kaum jemand. Knapp und doch so dicht, klar und präzise stellt sie uns Erinnerungsfetzen vor und wir merken, die treffen uns mitten ins Herz. Die Autorin gesteht selber, sie hat sich so oft selbst Geschichten erzählt, sie weiss gar nicht mehr, was der absoluten Wahrheit entspricht und was sie erfunden hat. Eines aber wissen wir, ihre niedergeschriebenen Erinnerungen, die sind so wahrhaftig klar und genauer könnten wir es gar nicht erfahren. Die Autorin hat Literatur in Biel studiert und das Lyrikatelier in Bern gegründet.

Meine Wertung: 8/10

Meral Kureyshi / Elefanten im Garten
Verlag: Limmat, Seiten: 144

Verleihung der Lesefieber Feder 2015 an Meral Kureyshi in SpiezVerleihung der Lesefieber Feder des Jahres 2015 an Meral Kureyshi mit ihrem Buch Elefanten im Garten am 11. September in der Bibliothek Spiez. Foto: Ursina Humm

Meral Kureyshi

Fünf Fragen an Meral Kureyshi

1. Waren Sie überrascht, als Sie von Ihrer Nominierung erfahren haben?
Ich war sehr überrascht. Ich habe nicht damit gerechnet. Es ist immer noch unwirklich.

2. Was wünschen Sie sich von den Lesern ihres Buches?
Ein Lachen, ein Weinen, ein Nachdenken, ein Verstehen, ein Zögern, ein Mitfühlen vielleicht?

3. Haben Sie einen Lieblingsautor, eine Lieblingsautorin?
Ich habe keine Lieblingsfarbe, kein Lieblingstier, keine Lieblingsmusik, keinen Lieblingsautor. Ich kann mich nicht entscheiden.

4. Wo schreiben Sie? Mit was?
Ich schreibe im Zug, ich schreibe im Bus, ich schreibe am Boden, ich schreibe auf Bänken, ich schreibe im Schnee, ich schreibe am Schatten, ich schreibe auf Stühlen, ich schreibe auf der Toilette, ich schreibe in der Badewanne, ich schreibe im Bett. Ich schreibe, in mein Heft.

5. Wem unter den Nominierten würden Sie den Schweizer Buchpreis 2015 geben?
Ich kann mich nicht entscheiden.

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
Share on Pinterest
There are no images.
Share with your friends










Submit

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment