Mirko Beetschen / Bel Veder

by Manuela Hofstätter on 16. Mai 2019

Post image for Mirko Beetschen / Bel Veder

Es ist der November im Jahre 1946, als Eleanor und ihre Zwillingsschwester Violet die weite Reise von Baltimore in die Schweiz ins Berner Oberland auf die Finsteralp antreten. Die Finsteralp empfängt die Ankommenden mit Kälte, Eleanor staunt und empfindet ein leises Unbehagen, als sie die Eingangstüre zum ehemaligen, imposanten Hotel Bel Veder aufdrückt. Den Grund für die lange Reise und Ankunft im Bel Veder lieferte der Brief des Schweizer Notars Dr. Hoffmann, durch welchen man in Amerika erfuhr, etwas geerbt zu haben. Während die wilde Violet schon beschliesst, sich auf und davon zu machen, versucht die zarte Eleanor, sich auf ihren Cousin und ihre Cousine zu freuen. Victor ist mit seiner Partnerin Claire angereist und scheint ein sehr aufmerksamer Verwandter zu sein, er übernimmt die Küche und versorgt die kleine Erbengemeinschaft kulinarisch, auch ist er hin und weg von Bel Veder, er träumt davon, den alten Kasten zu übernehmen und glanzvoll wieder aufleben zu lassen. Margit ist aus Berlin angereist, sie bemerkt sofort Eleanors schwächliche Art und Victors Übereifer, Claire nimmt sie als eine kühle, arrogante Frau wahr, welche ja eigentlich hier nichts zu suchen hätte. Eleanor ist tief schockiert, als sie vernimmt, dass man den Grossvater lediglich für tot erklärt hat, man seinen Leichnam aber nie gefunden hat. Bel Veder wurde im Jahre 1927 geschlossen, der alte Mann aber wohnte bis zu seinem Verschwinden darin, galt als komischer Kauz, den Leuten im nahen Ort ist Bel Veder nicht geheuer, es ranken sich schlimme Geschichten um dieses Hotel. Der riesige Hotelkasten hat unzählige Räume, darunter eine stattliche Bibliothek mit einer famosen Büchersammlung. Tatsächlich fürchtet sich Eleanor bald immer mehr, denn Türen, die verschlossen waren, gehen plötzlich auf und eine schreckliche Entdeckung verängstigt sie immens, doch dann reist ihr Freund Allan extra aus Amerika an, um ihr zur Seite zu stehen, er ist Psychologe und liebt Eleanor so sehr, dass er ihr anbietet, er würde mit ihr Bel Veder gegebenenfalls übernehmen. Tatsächlich verlangt das Testament einen Entscheid, Bel Veder soll in die richtigen Hände geraten. Viktor hat viel geforscht, er hat Erstaunliches herausgefunden über den Urgrossvater und Grossvater. Dokumente, die er gefunden und gesichtet hat, erzählen von Geschäften in Afrika, von einer Plantage in Mauritius, welche den Vorfahren zum Rumbaron machte, wie auch zu Reichtum gebracht hat. Im Skulpturengarten, in welchem es auch einen Teich mit schwarzem Wasser gibt, zeugen afrikanische Wesen von dieser Zeit. Auch sind Geheimnisse einer Homosexualität und einem Liebhaber aus Afrika im Raum und noch vieles, vieles mehr. Eleanor hat eine verstörende Begegnung mit einem hageren Alten in der Schlucht erlebt, und dann verliert sie fast endgültig den Verstand, als sie zuschauen muss, wie Allain auf einem Spaziergang mit Claire in die Schlucht stürzt. Eleanor weiss, was sie gesehen hat, ihre eigentlich wahnhaften Gedanken geben nun auch Margit zu denken, die beiden Frauen wollen von Bel Veder fliehen, doch dann werden sie eingeschneit. Victor fischt kurz darauf zwei Frauen aus dem dunkeln Teich, zur Leiche von Allan im Keller kommt eine zweite Leiche hinzu. Wer wird Bel Veder überleben, wer wird es erben und was geht überhaupt vor in diesem alten Hotelkasten?

Fazit: Ein altes Hotel, ein paar Erben und das Grauen in der Einsamkeit der Natur.
Mirko Beetschen hat es mit “Bel Veder” geschafft, mir richtig Gänsehaut zu bescheren. Hier schreibt ein Autor in einer äusserst gekonnten Sprache in einem Genre, welches mich sonst kalt lässt. Die Finsteralp mit dem fiktiven, grossen Hotel, welches man so genau vor Augen hat, wird zur kalten, furchteinflössenden Kulisse dieses Romans. Doch es ist diese feine Entwicklung, die Beetschen all seine Protagonisten durchlaufen lässt, welche sie uns von einer immer anderen Seite präsentiert oder uns etwas ahnen lässt, das sich dann erneut als Trugschluss herausstellt, die diesen Roman so faszinierend macht. Das Misstrauen unter der Gemeinschaft der Personen in Bel Veder ist eingezogen, ebenso wie unser Unbehagen und lustvolles Schauern beim Lesen. Denn es steht ja am Anfang des Romans geschrieben: Dies ist keine Gutenachtgeschichte.

Meine Wertung: 9/10

Mirko Beetschen / Bel Veder
Verlag: Zytglogge, Seiten: 443

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment