Mo Yan / Frösche

by Manuela Hofstätter on 29. August 2013

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Ein Briefwechsel unter Freunden animiert den Dichter aus Gaomi in der chinesischen Provinz Shandong, ein Stück zu schreiben, in welchem er sich dem Leben seiner legendären Tante Gugu annähert und sich mit der Geschichte Chinas und seinen Kindern auseinandersetzt. Gugu war schnell berühmt für ihr Geschick als Hebamme, Tausenden von Kindern soll sie auf die Welt geholfen haben, magische Hände sprach man der Tante zu. Doch dann wurde der Kindersegen dem Land zu viel, das Regime verordnete die Ein-Kind-Familie und damit wurden Gugus Hände zu blutigen Händen und sie verfolgte die Durchsetzung des Gesetzes fanatisch. Selbst ihr Neffe und dessen Frau konnten nicht auf Milde hoffen, im Gegenteil, Gugu griff wütend ein, denn eine Schande in den eigenen Reihen wäre nicht zu ertragen. Es kostete Leben, nicht nur diejenigen der Ungeborenen, auch viele Mütter starben beim Eingriff. So traf es auch die Frau des Neffen. Gefühle zeigte Gugu selten, sie konnte sich schlicht keine leisten. Und selten, ganz selten, beklagte sie Ihr Leid und dass dies auch niemanden kümmerte, was sie ertragen mussten. Gar verhasst war Gugu unterdessen, eine Schlächterin, ein Unmensch. Der Neffe musste fast wieder eine Frau haben, sein kleines Mädchen wieder eine Mutter. Beschämt stellt er dann fest, dass er tatsächlich erneut lieben kann. Das Schicksal allerdings lässt den Kinderwunsch seiner zweiten Frau offenbar unerfüllt, und dabei muss er zugeben, er wünscht sich eigentlich auch einen Sohn. Die Jahre vergehen, das Paar altert, China verändert sich und so auch die Möglichkeiten, an ein Kind zu gelangen. Schliesslich soll der Dichter seinen Sohn in seinen Armen halten können, aber die Mutter, die richtige Mutter beginnt zu kämpfen und die Realität zeigt ihr wahres Gesicht.

Fazit: Chinas Vergangenheit und Familienpolitik, eine aufwühlende Geschichte.
Dieser Roman ist ein sehr vielschichtiges Werk, oft ironisch, manchmal gar zynisch, immer an der Grenze des Erträglichen in manchen Schilderungen der Gräueltaten, welche China seinen Kindern in den Siebziger Jahren durch die Ein-Kind-Politik angetan hat. Der Autor meistert die Gratwanderung, uns etwas aufzuzeigen, etwas zu verarbeiten und doch nicht zu verurteilen. Genau diese Tatsache mag ihm von manchen Leuten angekreidet werden, ich aber empfinde Achtung, denn er hat es getan, er hat darüber geschrieben, worüber man lieber schweigt. Die Romanform ist dazu da, eine fiktive Geschichte zu liefern und Mo Yan lässt viel Wahres mit einfliessen und tilgt gar seine eigene Schuld ein Stück weit. “Frösche” zu lesen, das geht an die Nieren, aber nicht nur, es ist eben auch ein erzählerisch grossartiger Roman. Lachen, Weinen, Nachdenken, die Wahrheit. Ja, wir lesen etwas über die Wahrheit in diesem Buch!

Meine Wertung: 8/10

Mo Yan / Frösche
Verlag: Hanser, Seiten: 512

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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