Nina George / Die Schönheit der Nacht

by Manuela Hofstätter on 14. August 2018

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Claire duzt sich mit niemandem im Kollegium, nicht nur dort fürchten sie viele, Claire, die kühle, schöne Verhaltensbiologin, denn sie sieht die Menschen und seziert diese und ihr Verhalten oft so treffend, dass ihr dies wenig Sympathien einbringt. Claire ist auch Mutter und Ehefrau und ihr Mann und ihr Sohn bedeuten ihr alles, so muss es ja sein, nicht wahr? Ab und zu muss Claire ihre Madame la Professeure aber ablegen, genauso wie die Mutter und die Ehefrau, dann gibt es nur ein Zimmer, einen fremden Mann und zwei Körper, die sich begehren, sie will gesehen werden von diesen Männern, verschlungen werden und verschlingen, sie will sich in diesen Stunden der Lust auflösen, um sich zu finden, sich als Frau und nur als Frau zu finden und zu empfinden. Vielleicht brauchen Mütter diese Geheimnisse und Liebhaber nur, damit sie von jemandem angesehen werden, der nicht “Mutter” denkt dabei, sondern Weib, sinniert Claire, denn seit ihr Sohn Nicolas in ihrem Körper herangewachsen war, nahm er einen Teil von ihr für immer weg, und dieser Teil gehört für immer diesem Kind. Gilles, Claires Mann, ist ihre grosse Liebe, doch als sie Eltern geworden sind, nahm sich Gilles irgendwann andere Frauen, Claire wusste es immer, spielte sein Spiel mit, seine Seitensprünge zu verschweigen. Sie empfand es immer als logische Folge im Leben eines Paares mit Kind, sie hat nun ja auch ihre Geheimnisse. Doch dann, nach einer heissen Begegnung, verliert Claire nicht nur eine innig geliebte, kleine Versteinerung, sie verliert auch einen winzigen Moment lang ihr Gesicht, als sie dem Zimmermädchen begegnet, welches sie so betörend singen gehört hat. Die beiden Frauen starren sich eine Weile stumm an, sie hätten sich nicht begegnen sollen und sie ahnen nicht, dass sie dies schon bald wieder tun werden.
Nicolas ist verliebt, ernsthaft verliebt, er will die junge Frau seinen Eltern vorstellen und bittet Claire, sich normal zu verhalten. Gilles und Claire ist klar, es scheint ihrem Sohn ernst zu sein. Julie und Claire erkennen sich sofort wieder, selbst wenn Julie nicht mehr das verruchte Zimmermädchen ist, sie spielen ihre Rollen meisterhaft, doch sie geraten auch aneinander und dies äusserst heftig. Julie kann nicht fassen, dass die Mutter ihres Geliebten dieses doppelte Spiel treibt und ihre entzückenden Männer in ihrem Leben betrügt. Doch Claire weiss zu viel von Julie, sie sieht eine junge Frau, die sich schon zu sehr verbiegt, nicht tut, was sie tun will. Doch Julie wird in den grossen Sommerferien in die Bretagne ins Haus am Meer eingeladen und dieser Sommer wird alles verändern. Claires Geschwister kommen auch ins Sommerhaus. Ihre Schwester, eine berühmte Schauspielerin mit ihrem viel jüngeren Geliebten, einem Tangotanzlehrer und ihr Bruder mit den Scherben seines aktuellen Lebens und ständig zu hohem Alkoholpegel. Zwischen Claire und Julie entfaltet sich etwas, was sie seit ihrer ersten Begegnung fühlten, Claire hilft Julie ihre grosse Angst vor dem Meer zu überwinden, indem sie ihr das Schwimmen heimlich beibringt. Doch als Nicolas seiner Julie einen Heiratsantrag macht, droht die Sommeridylle endgültig von einer starken Brandung gefährdet zu sein.

Fazit: Begehren, lieben, leben, Frau sein, ganz und gar!
Nina George hat mit “Die Schönheit der Nacht” einen Roman geschrieben, der mich völlig aufgewühlt und tief berührt hat. Diese Autorin hat alles geschrieben, was eine Frau ausmacht, alles auf den Punkt gebracht, mal sanft, häufig mit einer heftigen Klarheit. Die beiden Protagonistinnen im Roman machen beide eine enorme Entwicklung durch, eine Entwicklung zu sich selbst. In diesem Roman habe ich unzählige grandiose Sätze gelesen zum Frau sein, Mutter sein, über das Lieben und Leben und das Begehren. Vertigo marée, ein auch beängstigendes Gefühl, kennen Sie diesen Ausdruck und seine Bedeutung? Nein? Lesen Sie dieses Buch und Sie wissen mehr als je zuvor …

Meine Wertung: 9/10

Nina George / Die Schönheit der Nacht
Verlag: Knaur, Seiten: 256

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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{ 2 comments… read them below or add one }

1 Margrit Hegglin August 15, 2018 um 10:19 Uhr

Der Aussetzer oder die Resonanz einer Schuld von Beat Vogt hat mich zutiefst berührt. Ich habe es in einem Zug gelesen und konnte mich kaum mehr von diesem Buch trennen. ich gebe 10/10.
Herr Kato spielt Familie hat mich nicht vom Hocker geworfen, ist einfach nicht so mein Geschmack!
Die Nacht vor der Scheidung von Sandor Marai und mich umgeworfen.Von Sandor Marai habe ich alle Bücher in meinem Gestell. “Die Glut” und das Vermächtnis von Esther habe ich schon mehrmals wieder gelesen. Ich bin begeistert von Marai!

2 Manuela Hofstätter August 17, 2018 um 21:40 Uhr

Liebe Margrit, ja, der Beat Vogt ist umwerfend. Danke für Deinen Kommentar und die Rückmeldungen, freut mich sehr! Ich habe schon wieder weitere Bücher, die sehnlichst darauf warten von mir gelesen zu werden… bis bald! LG, Manu

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