Patrick Tschan / Der kubanische Käser

by Manuela Hofstätter on 19. März 2019

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Es war einmal der grösste Kummer im Leben eines armen, blutjungen Toggenburger Bauernsohnes von 16 Jahren namens Noldi Abderhalden im Jahre 1620, der Liebeskummer. Weil ihn die Heidi verlassen hatte, stieg er auf den Berg und sprach dem Alkohol sein Leid zu, fiel, mehr als er gehen konnte, hinunter vom Berg und Mitten in die Arme eines Anwerbers für Reisläufer der von Planta. So hatte er gar keine Wahl und zog drei Kreuze unter dem Vertrag später gegen die verdammten Protestanten in den Krieg, was ihn schliesslich nach etlichen Stationen in der Schlacht von Tirana zum Heldenstatus gelangen liess, weil er mit einer Kanonenkugel tanzte und diese somit vom Duque abhielt und diesem so das Leben rettete. So ein Siebensiech musste gefeiert werden, seine Heldentat war in aller Munde und so wurde er alsbald zum spanischen Königshof in Sevilla beordert. Am Hofe staunte man nicht schlecht über diesen Noldi, auch einige Marquesas fanden Gefallen am exotischen Helden und so kam Noldi in den Genuss zahlreicher Schäferstündchen in aller Heimlichkeit, welche ihn zu einigen Juchzern und zum Jodeln brachten. Doch auf jede Heimlichkeit folgte – ganz ungewöhnlich für diese Region – jeweils ein heftiges Gewitter und ein ebensolches brach über Noldi zusammen, als er auf der Anklagebank der Heiligen Inquisition landete. Doch es ging dann noch ganz glimpflich aus für den wettermachenden Noldi, er wusste nicht, wie ihm geschah und landete flugs im Exil in Kuba. Gemäss königlichem Dekret herrschte dort der Noldi nun über fünf Kühe und einen Stier im von Havanna acht Tage Fussmarsch entlegenen Valle des Vinãles, einfacher genannt am Arsch der Welt und weit ab vom Schuss. Doch genau dort beschloss der Noldi, einem Toggenburger mache schliesslich keiner so schnell den Garaus und er begann seine Herde mit allerlei cleveren Kuhhandeln zu optimieren und dann trat auch noch Consuelo an seine Seite, die widerspenstige Ziegenhirtin, die zu Noldis grosser Liebe wurde. Wenn Consuelo ihren Naturjodel erschallen lässt und Noldis Käsereikunst noch zu verbessern vermag, da erlebt Kuba sein helles Käsewunder und die Mutschlis würden gewiss sogleich losjodeln, so denn sie nur könnten. Doch dann ist Noldis Zeit im Exil abgelaufen, er dürfte heimkehren oder gewisse Bedingungen erfüllen, um bleiben zu können. Was wird Noldi tun, Noldi der heilige Kugelfang, der Käser aus dem Toggenburg, wird er die richtige Entscheidung treffen und lustig Jodeln können oder droht der grosse Katzenjammer?

Fazit: Rotzfrech, tabulos, melodiös und sexy, der neue Tschan!
Der traut sich was mit seinem Käser! Patrick Tschan versteht es immer aufs Neue, Verschiedenartigstes zu schreiben. Mit seinem Käser trifft er den Nagel nach seinem grossen Erfolg von Polarrot auf den Kopf. Ich dachte ja, das kann der Kerl nicht toppen, doch nun ist ein schräges, einzigartiges, mutiges Werk mit Kultfaktor entstanden. “Der kubanische Käser” stellt ein neues Genre am Literaturhorizont dar, das ist ein entfesselter, sauber entstaubter Heimatroman der Neuzeit! Lesen, staunen, lachen und diesen “Saftschinken” geniessen, denn das ist kein Käse, das ist erfrischend überraschende Literatur. Darauf würde ich glatt das Jodeln erlernen wollen!

Meine Wertung: 9/10

Patrick Tschan / Der kubanische Käser
Verlag: Zytglogge, Seiten: 185

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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