Piero Bianconi / Der Stammbaum

by Manuela Hofstätter on 4. November 2017

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Ein kleines Tessiner Bergdorf, die Heimat der Familie Bianconi, deren Geschichte der Autor bis zurück ins 19. Jahrhundert vor unseren Augen nachzeichnen kann. Denn als er im Jahre 1966 in sein fast verlassenes Heimatdorf Mergoscia hochsteigt, findet er zerfallene Mauern aber auch eine Truhe mit Dokumenten, Verträgen und unzähligen Briefen der jungen Tessiner aus der alten Zeit, die ausgezogen sind, um der Armut zu entkommen und ihr Glück zu suchen, etwa in Kalifornien oder in Australien. Und diese Fragmente beschreiben anschaulich, wie arm die Schweiz war und wie hart das Leben im Tessin, wo die Marroni Leben rettete und man ausharrte im Wissen darum, es könnten noch kargere Zeiten kommen. Ein Talent zum Schreiben, sich ausdrücken zu wissen, das haben die Bianconis gemein, wir lesen gerne, staunen und wollen nicht vergessen, was diese Zeit den Menschen abverlangt hat. Manche haben aus der Ferne gute Zeilen gesendet, ein Foto, hoch zu Ross mit Cowboyhut, aber fanden sie denn ihr Glück in der Ferne? Viele kamen zurück in die Heimat, sahen später ihren Kindern zu, wie diese auch wieder auszogen. Ein Kreislauf auf der Suche nach dem guten Leben. Eine Tante kämpft für ihren Weg, entgegen dem Willen ihrer Familie geht sie schliesslich ins Kloster nach Ins. Bianconis Grossmutter raufte Gras, um nicht Hungers zu sterben und kochte Suppe damit. Doch diese Menschen schätzten das Leben, sahen seine Kostbarkeit!

Fazit: Geschichtsschreiber und Stimme aus dem Tessin.
Piero Bianconi wurde 1899 im Tessiner Bergdorf geboren, ging seinen Weg als Primarlehrer, lebte auch in Florenz und Rom, kehrte zurück in die Heimat und arbeitete stets als sorgsamer Erzähler und Historiker, der seine Liebe zur Heimat in seinem Schaffensprozess vertrat, und verstarb 1984. Es ist beeindruckend, diesen Stammbaum zu lesen, die Zähheit der Tessiner ist gross und die Liebe zur Natur und dem Leben ebenso. In unserer Zeit des Überflusses innehalten beim Lesen dieser Chronik einer Familie, das empfinde ich als ein Geschenk.

Meine Wertung: 7/10

Piero Bianconi / Der Stammbaum
aus dem Italienischen übersetzt von Hannelise Hinderberger
Verlag: Limmat, Seiten: 224

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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