Richard Wagamese / Das weite Herz des Landes

Franklin Starlight ist auf einer kleinen Farm in British Columbia herangewachsen, seine Bezugsperson ist der Alte, man könnte ihn auch Ziehvater nennen, denn er nahm Franklin als kleinen Jungen bei sich auf. Der Alte ist auf eine gewisse Art ein roher Kerl, aber für Franklin ist er ein wundervoller Erzieher, der immer darauf geachtet hat, dem Jungen alles beizubringen, was dieser für sein Leben und Überleben brauchen kann. Franklin hat indigene Wurzeln, er weiss leider nichts über seine Mutter und nur Übles über seinen Vater, der in der weit entfernten Stadt dahin vegetiert und der Franklin nie ein Vater war. Der Alte hat Franklin den Umgang mit der Natur gelehrt, brachte ihm das Fallenstellen und Jagen bei und das Wissen um essbare oder heilende Pflanzen sowie richtig gut reiten zu können. Jetzt verkündet der Alte, Franklins Vater liege im Sterben und verlange nach seinem Sohn, er finde es auch wichtig, dass Franklin diese Reise mache. Tatsächlich reitet der Junge los in Richtung Stadt. Er hat Erinnerungen an seinen Vater, aber keine guten. Er denkt etwa an seine kindliche Hoffnung zurück, der Vater werde ihn an Weihnachten besuchen und sogar ein Geschenk mitbringen oder an den Tag am Fluss, als Eldon seinem Sohn das Angeln beibringen wollte und stattdessen betrunken und kopfvoran im Wasser landete. Als der Sohn in der Stadt auf seinen Vater trifft, sieht er sofort, wie es um diesen steht, eine Prostituierte liegt neben dem ausgemergelten Vater im Bett, die Schnapsflasche ist nicht weit, der Tod auch nicht. Doch Franklin und Eldon ziehen gemeinsam los, nach harten Worten erfüllt der Sohn dem Vater dessen letzten Wunsch, er möge ihn in die Berge bringen, um nach Art eines Kriegers sterben zu dürfen. Der Weg ist lang und beschwerlich, Eldon muss sogar am Pferd angebunden werden, weil er sich nicht mehr im Sattel halten kann. In einer einsamen Hütte im Wald begegnen Vater und Sohn einer grossartigen Frau, diese hilft Franklin sehr und gibt ihm noch Medizin mit für den Vater, denn sie ahnt, das Ende wird nicht einfach sein. Eldon beginnt manchmal doch zu sprechen, er kann Franklin sein Leben erzählen und warum es aus dem Ruder lief und er kann ihm alles über seine Mutter erzählen. Franklin macht etliches durch auf dieser Reise in die Berge, doch es wird ihm auch etwas Wichtiges geschenkt, die Wahrheit über seine Herkunft. Tatsächlich hat sein Vater das Ende eines Kriegers verdient und er, Franklin, kann ihm zeigen, was er alles erlernt hat, kann sie beschützen in der Wildnis, sogar vor einem Bären, kann sie ernähren, auch wenn der Vater kaum mehr isst. Die Kraft des Erzählens hat eine heilsame Wirkung und gehört zur Tradition der indigenen Bevölkerung Kanadas.

Fazit: Von der heilsamen Macht der Erzählkunst.
Der 2017 verstorbene Autor Richard Wagamese aus Ontario gilt als wichtige Stimme der indigenen Bevölkerung Kanadas, seine Werke befassen sich immer mit deren Wurzeln. Sein Leben war geprägt von derselben Not wie Alkoholismus und Arbeitslosigkeit. In “Das weite Herz des Landes” tauchen wir ein in die kraftvolle Erzählkunst dieses Autors und begleiten Vater und Sohn durch die Wildnis und durch deren ganzes Leben mit vielen Tiefen und doch ein paar Lichtstrahlen. Dieser Roman beginnt mit einer Rohheit und hat dann ungleich zartere Seiten, die tief bewegen. Für mich gehört dieses Werk auf jeden Fall zu denjenigen, welche man nie mehr vergisst, wahrlich ein grosser Erzähler dieser Wagamese. Das Buch war absolut zurecht nominiert für “Das Lieblingsbuch des deutschschweizer Buchhandels 2021“.

Meine Wertung: 8/10

Richard Wagamese / Das weite Herz des Landes
Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Ingo Herzke
Verlag: Blessing, Seiten: 288

Manuela Hofstätter

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