Robert Seethaler / Das Feld

by Manuela Hofstätter on 1. September 2018

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Die Paulstädter nennen ihren Friedhof schlicht “das Feld” und wer dort landet, hat ausgesorgt, ausgelebt, die einen so, die andern ganz anders, jeder für sich mit seinem Blickwinkel auf das Leben. Wenn der Pfarrer Hoberg seine Kirche anzündet, gilt er als verrückt, vielleicht hat er ganz einfach seine Wahrheit endlich gefunden. Vom Feld aus und nur von dort, bekommt dann der Satz “Vermutlich gibt es keinen Gott, ich habe ihn nie kennengelernt”, eine ganz andere Gewichtung. — Als Susanne Tessler ins Sanatorium kommt, trifft sie dort auf die stolze Henriette, alle wollen bei Henriette sitzen, ihr aber gelingt es immer. Henriette kann kaum mehr sehen, doch sie fabuliert eine Geschichte zusammen, die angeblich im Buch steht, welches auf ihrem Schoss ruht, welche famoser und bunter nie geschrieben wurde, Susanne lauscht betört zu. Doch was kann Susanne schon erzählen? Sie packt die Gelegenheit, ihre letzte, und legt auch los, so wie sie es vermag loszulegen und schildert leckere Rezepte, die sie aus dem Stegreif erfindet, Henriette ihrerseits hört aufmerksam zu, fragt nach, sie ist nicht nur eine wunderbare Freundin, sie ist auch die Beste und einzige, die Susanne im Leben so nennen will, auch wenn ihnen nur ein paar Wochen zusammen geschenkt worden sind. — Der echteste Paulstädter überhaupt aber ist der Gemüsehändler, Navid al-Bakri, seine Eltern zogen mit ihm nach einer langen Reise hierher, er war neunzehn Jahre alt damals und sah das erste Mal in seinem Leben Schnee. Als die Eltern starben, er glaubte, sie waren glückliche Menschen, er sah sie oft lächeln, da übernahm er den Laden. Er hat viel über die Menschen und das Leben gelernt in seinem Laden und auch darüber, was Heimat bedeutet. — Herm Leydicke weiss mehr als die Meisten, er weiss, er war kein kluger Mann, er versucht, seinem Sohn die wichtigsten Dinge für das Leben aufzuzeigen und er bekennt seinen grössten Fehler, er habe nie die Worte “Ich liebe Dich” über die Lippen gebracht. — Gerd Ingerland war nie der Wolf, wie ihm das sein Vater versucht hat einzutrichtern, er war das Schaf, wurde als Junge von Johannes zusammengeschlagen, welchen er dann Jahre später sah, im Arm mit der jungen Frau, welche er nicht halten konnte. — Zwölf Frauen und siebzehn Männer, sie schenken uns Worte aus ihrem Jenseits, manche von ihnen waren miteinander verbunden, andere nicht, so wie es so ist in irgendeiner Stadt, in irgendwelchen Leben.

Fazit: Vieles löst sich ganz von alleine, eigentlich alles!
Diese Worte aus dem Roman von Robert Seethaler bestechen insbesondere dadurch, dass ein Toter sie sagen darf. Die Verstorbenen, die der Autor sprechen lässt, haben so verschiedene Leben gelebt, es entsteht ein Himmel voller Sterne daraus, manche hell und funkelnd, andere sanft und doch beständig, sie ergeben ein beeindruckendes Ganzes, welches uns so zärtlich Trost vermittelt. Es ist ja nur dieses eine Leben, das wir haben, oder etwa nicht? Wenn ich Seethaler lesen, so empfinde ich es sogleich als noch wertvoller, dieses Leben und so gewiss das Wissen, wir sind alle einfach Nichts. Sätze, die man so noch nie gelesen hat, immer wieder lesen will, das ist Seethaler mit “das Feld”!

Meine Wertung: 7/10

Robert Seethaler / Das Feld
Verlag: Hanser, Seiten: 239

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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