Rolf Hermann / Flüchtiges Zuhause

by Manuela Hofstätter on 3. Juli 2019

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Das Daheim der Grosseltern steht nahe an den Geleisen, wenn die Güterzüge durchrasseln, ist das schon ein beeindruckendes Spektakel. Auch wenn der Grossvater ins Erzählen gerät, nachdem er mit dem Enkel die Güterwaggons gezählt hat, lauscht nicht nur der Enkel gebannt. Oskar, der Grossvater, arbeitete in der nahen Aluminiumfabrik, diese Zeit bei Alusuisse hat ihn geprägt und die Familie genährt, wie so viele andere Familien auch. Die Erinnerungen an den schlimmen Waldbrand in Leukerbad, sie sind wach, gefürchig wie Flammen, züngeln und lodern auf im Erinnern, mehrere Wochen dauerten die Löscharbeiten an. Die Rhone in Leuk, der Rotten, floss damals und fliesst heute und doch hat sich alles verändert. Irgendwann dann war es soweit, die Eltern feierten den Abschied von der Dachwohnung am Bahnhof Leuk, zogen ein Stück weiter, um sich niederzulassen und eine Selbstständigkeit zu erlangen, die nötig war. Ja, und die junge Generation, der Enkel und ihresgleichen, was hielt sie noch im Wallis? Einzig die Sehnsucht, diese war es, die sie heimtrieb, umtrieb und Dinge tun liess, die man kaum für möglich halten mochte. So also schritt der Enkel mit dem Grossvater durch den Rebberg, bedächtig lauschte er dessen Worten. Die Reben bedeuteten ihm alles und doch würde er sich nun von ihnen verabschieden, der Enkel begleitete ihn voller Achtung, lernte, half mit beim letzten und so wichtigen Schnitt, bevor der Grossvater dann alles verkaufte. Ja, die junge Generation, sie verliess das Tal, aber gewiss konnte sie das nur so mutig tun, weil sie während der Kindheit im Winter auf den Brettern Hänge hinuntersauste, dass es alle grauste, wenn sie es denn gesehen hätten. Fast, ja fast hätten sie Pirmin vom Thron gestürzt. Die Grossmutter hielt alles beisammen, liebte, kochte und freute sich über Fotos, welche die Familienentwicklung zeigten, auch wenn sie nie weit weg aus ihrem Tal reiste, schrieb sie Gedichte, die die Weite in sich trugen und wer weiss, sich auf ihren Enkel übertrugen.

Fazit: Die Kraft, die dem Erinnern innewohnt!
Wenn Rolf Hermann uns seine ganz persönlichen Erzählungen schenkt, aus seiner Heimat, dem Wallis, aus Leuk, dann erleben wir einen Erzähler, der die Heimat nicht verblassen lässt und zugleich einen Weltenbürger. Ein Mensch, der die Heimat und den Schutz der Familienbande in sich trägt, der kann ausziehen in die weite Welt, er wird die Heimat immer in sich tragen. Diese sieben Erzählungen führen uns direkt in die Heimat des Autors, verbinden über mehrere Generationen hinweg die Liebe zur Region, setzen diese dem Verlust und der Geschwindigkeit des Wandels der Zeit entgegen, ohne jemals kitschig zu werden. Diese Erzählungen sind schlicht, tief greifend und wahrhaftig. Wer so schreiben kann in unserer Zeit, der hat verstanden, was es zu verstehen gilt, der kann uns berühren. Für mich ist dieser Erzählband ein Kleinod, ein ganz kostbares!

Meine Wertung: 9/10

Rolf Hermann / Flüchtiges Zuhause
Verlag: Edition Blau, Seiten: 140

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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