Ruth Schweikert / Wie wir älter werden

by Manuela Hofstätter on 21. Oktober 2015

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2015

Jacques und Helena verliebten sich als Studenten ineinander, ihre Eltern mochten den Mann im Leben ihrer Tochter und waren dann fast so erstaunt wie Jacques, als Helena urplötzlich Emil geheiratet hat. Jacques überwand das Verlassenwerden auch recht rasch und gründete mit Friederike eine Familie. So gediehen zwei Ehepaare, setzten Kinder in die Welt und diese wiederum versuchten, ihren Weg ins Erwachsenenleben zu finden und bekamen teils auch Kinder. Drei Generationen, aufgebaut auf einer Lüge, welche die nun Ältesten damals im Jahr 1964 beschlossen hatten, zum Wohle ihrer Kinder und deren Zukunft. Es sind dann auch die Frauen, welche eher merken, dass etwas einfach nicht stimmt. Iris, die Tochter Helenas, die immer schon gefunden hat, dass irgendetwas zwischen Ihren Eltern nicht so wie bei andern Paaren sei, sie und ihre Halbschwester Kathrin finden dann auch einen Weg zusammen und versuchen sich gar zu helfen, als die Wahrheit über sie hereinbricht. Für Miriam, die jüngste Tochter Helenas und das einzige leibliche Kind von Emil spielte das alles keine Rolle mehr, sie ist verstorben. War es ein Unglück oder ein bewusster Selbstmord? Man weiss es nicht und erst recht nicht, ob die Wahrheit daran etwas geändert hätte. Kathrin will viel später dann die Geschichten ihrer beiden Familien in ein Theaterstück adaptieren. Denn plötzlich trennten sich Helena und Emil, er nahm sich eine jüngere Geliebte wie Haushälterin in einem ins Haus. Darauf verliess Jacques Friederike, kehrte aber nach neun Jahren Zusammenleben mit Helena reumütig zu seiner Frau zurück. Was haben sie angerichtet zum Wohle der Kinder, der Familie, spielt die Lüge nun eine Rolle für die Lebenden oder nicht und warum nur ist es so, wie es eben ist? Fragen über Fragen, diese wird allenfalls auch das Theaterstück nicht beantworten, aber es wird aufzeigen, welch ein Theater doch das ganze Legen eigentlich ist!

Ruth Schweikert / Wie wir älter werden

Fazit: Willkommen im Theater des Lebens!
Schweikerts Roman hat mich zuerst fast überfordert mit den vielen Personen und Erzählebenen, doch bald wurde diese Mühe belohnt durch allerhand Staunen, Grübeln und Nachdenken über das Leben der Protagonisten, das Abwägen über das, was wäre, wenn und die grosse Frage nach der Lüge oder der Wahrheit. Wie sollen wir Leben, wie gelingt das Abenteuer Leben und Familie? Nichts als die Wahrheit? Es gibt keine absoluten Antworten in diesem Roman, es gibt nur das pralle Leben und die Aktionen und Reaktionen der Menschen darin. Das ist überzeugend, regt an zum Denken. Ein Roman mit Nachhall.

Meine Wertung: 7/10

Ruth Schweikert / Wie wir älter werden
Verlag: S. Fischer, Seiten: 272

Ruth Schweikert

Fünf Fragen an Ruth Schweikert

1. Waren Sie überrascht, als Sie von Ihrer Nominierung erfahren haben?
Ich habe mich gefreut; eine Überraschung würde auf etwas verweisen, das tatsächlich unerwartet kommt. Das aber ist kaum möglich, diese Termine brennen sich jedem Autor, jeder Autorin ein, der/die ein neues Buch publiziert hat, auch wenn man sich sagt, dass eine Nominierung den künstlerischen Wert eines Buches nicht steigert – und eine Nicht-Nomination keineswegs bedeutet, dass man gescheitert ist.

2. Was wünschen Sie sich von den Lesern ihres Buches?
Es sind weniger Wünsche als vielmehr eine Hoffnung: Dass etwas von der Zeit, der Energie, der gedanklichen, emotionalen und gestalterischen Arbeit, die in einem literarischen Text steckt, sich transportieren möge in die Köpfe der Leserinnen und Leser. Wie ich selber mich beschenkt und bereichert fühle von bestimmten Büchern, so möchte auch ich etwas weitergeben. Man schreibt ein Buch ja nicht primär für sich selbst; man schreibt es, um mit den Mitteln der Sprache bestimmte Denk-, Erfahrungs- und Imaginationsräume zu eröffnen und sie auszuloten. Im besten Fall verhandelt ein literarisches Werk Fragen der Existenz, die andere Menschen etwas angehen, auch und gerade dann, wenn die entworfenen Welten den Leserinnen und Lesern fremd sind oder sie befremdlich anmuten.

3. Haben Sie einen Lieblingsautor, eine Lieblingsautorin?
Das wechselt. Eine Zeitlang habe ich Alice Munros Erzählungen immer wieder gelesen, auch, um besser zu verstehen, wie sie es macht, wie sie ihre Texte baut und gestaltet; als Jugendliche war Ingeborg Bachmann mein grosses Vorbild; seit längerem bewundere ich Navid Kermani für seine enorme Produktivität und Vielseitigkeit, vor allem aber für seinen Mut, seine Klugheit und Menschlichkeit.

4. Wo schreiben Sie? Mit was?
Ich schreibe zuhause, im Atelier, im Zug, meistens auf dem Laptop; manchmal aber auch von Hand in ein Notizheft. Kugelschreiber, Bleistift, Roller Pen, egal.

5. Wem unter den Nominierten würden Sie den Schweizer Buchpreis 2015 geben?
Was für eine Frage! Soll damit die Konkurrenz angestachelt werden zum Gaudi des Publikums? Ist es ein Test für die eigene Grossmut? Oder braucht die Jury eine Wahlhilfe? Wohl kaum, und das ist auch gut so.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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