Sacha Batthyany / Und was hat das mit mir zu tun?

by Manuela Hofstätter on 26. September 2016

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Sacha Batthyany lebt und arbeitet in der Schweiz, er ist Journalist, eine Kollegin legt ihm einen Zeitungsartikel hin und weist darauf hin, dieser handle von seiner Familie. Sacha ist irritiert, er hat kaum Kenntnisse über seine Grosstante, die Gräfin, sie sei unermesslich reich gewesen und habe den Männern die Köpfe verdreht. Jetzt dieser Artikel über die Frage nach der Schuld und der Verstrickung seiner Grosstante beim Massaker an 180 erschossenen Juden im österreichischen Rechnitz ein paar Wochen vor Kriegsende im März des Jahres 1945. Plötzlich steht der Name Batthyany also nicht gut da, Sacha wurde oft eher wohlwollend darauf angesprochen, immer wenn die Sissi-Trilogie im TV lief, denn dort tanzt Romy Schneider als Sissi mit einem Grafen Batthyany. Sacha ist in der Schweiz aufgewachsen, er weiss, seine Eltern wollten neu anfangen in diesem Land. Im wattiertesten aller Länder, glaubten sie, zur Ruhe zu kommen, taten alles, was man hier tut, assen Raclette, fuhren Ski und gaben ihr Bestes. Doch nie waren sie in der Schweiz heimisch. Ungarn haftet an seinen Menschen, Leid ist die Währung, die tragische Vergangenheit kann kaum bewältigt werden, die ruhmreiche Zeit, als die Batthyanys so vieles besassen und alles verloren haben wegen des Kommunismus, haftet immer noch auf manchen Familienmitgliedern. Sacha schreibt über die nicht wenig gewichtigen Probleme unserer Zeit und doch beschliesst er, nun sorgfältigste Recherche zu betreiben und die Geschichte seiner Familie zu ordnen, zu verstehen und zu durchleuchten. Auf einer Familienfeier bekommt er die Ablehnung der Familienmitglieder zu spüren, er solle den Familiennamen nicht in den Dreck ziehen und die Vergangenheit ruhen lassen, doch dies kann er nicht und will er nicht. Trotz Frau und Kindern reist Sacha weit herum, nach Russland mit seinem Vater, nach Buenos Aires zu Agnes, der Auschwitzüberlebenden, der Tochter derjenigen Eltern, die auf dem Schloss als Zwangsarbeiter zugegen waren, als diese Katastrophe sich anbahnte. Die Tagebücher seiner Grossmutter sind eine Hilfe bei der Recherche, wie auch ein kleiner Trost, diese Frau ist an ihrer Schuld zerbrochen, schrieb ihre Gefühle, ihre Not auf, versuchte, Agnes und deren Bruder Sandor in Auschwitz zu besuchen. Die Reise nach Russland führt Vater und Sohn auf den Spuren von Sachas Grossvater nach Sibirien, wo das Lager des Gulag von damals im Heute eine Hühnerfarm ist und bei 50 Grad unter Null die Spucke gefriert. Allein sechzig Millionen Russen sollen eines unnatürlichen Todes gestorben sein in der gesamten Zeit der kommunistischen Diktatur von 1917 bis 1992. So rutscht auch einmal ein Satz heraus, welcher Hitler neben Stalin viel weniger schlimm dastehen lassen will und auch die Faust eines Sohnes erhebt sich gegen einen Vater. Zuviel Leid und zu viel Geschichte lasten da auf Generationen. Der Autor selber hat diese grosse Aufarbeitung der Vergangenheit aber gemeistert, im Roman verdichtet und gekonnt Brücken ins Heute geschlagen. Ins Heute, wo er auf der Couch seines Psychoanalytikers Antworten findet, Sinn und Parallelen.

Sacha Batthyany / Und was hat das mit mir zu tun?

Fazit: Ein Monument der Zeitgeschichte!
Sacha Batthyany beweist einen ungeheuren Willen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, die Vergangenheit aufzuwühlen verlangt ihm so einiges ab, lässt ihn als Sohn den eigenen Vater angreifen und aber auch so zu verstehen, wie er ihn wohl nie zuvor verstehen konnte. Gegenüber allen Personen legt der Autor eine verantwortungsvolle Sorgfalt an den Tag und eine feine Sensibilität, er weiss um die Narben, die er aufreisst und er beweist auf höchste, menschliche Art, dass auch er bereit ist, einen hohen Anteil an seiner Familiengeschichte zu tragen. Sacha Batthyany gibt unumwunden zu, auch er wäre nicht ohne Schuld, er würde vermutlich nicht richtig handeln in einer extremen Situation. Diese Ehrlichkeit hat mich erschüttert und tief bewegt, dieser Roman ist ein wichtiges Stück Geschichtsaufarbeitung und erinnert an so viele vergangene Gräueltaten der Menschen. Ich bin begeistert, wie gekonnt der Journalist Batthyany in die erzählerische Romanform gefunden hat und dies auf so grandiose Art und Weise. Nahe Historie nicht zu vergessen, zu verstehen und in einen Kontext zur heutigen gefährlichen Zeit zu stellen. Ein grandioser Roman eines grandiosen Autors und beeindruckenden Menschen!

Sacha Batthyany ist mit “Und was hat das mit mir zu tun?”
nominiert für den Schweizer Buchpreis 2016.

Meine Wertung: 9/10

Sacha Batthyany / Und was hat das mit mir zu tun?
Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie.
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Seiten: 256

 

Kommentar

Sacha Batthyanys Roman ist ein Monument der Zeitgeschichte aus dem alten Ungarn, welches dem Adel huldigte, dann alles über die ganze Spanne der Weltkriege und des Völkermordes unter Hitler wie Stalin verlor. Wir durchleben etliche Gräueltaten der Menschlichen Spezies und auch deren Kunst des Verdrängens. Verdrängen will dieser Autor eben gerade nicht, er berichtet exakt und genau, was faktische Elemente angeht und vermag aber eine Wärme in seinen Roman einfliessen zu lassen, indem er nie anklagend ein Urteil über die Protagonisten bricht, sondern die Frage nach dem Warum einfülsam einflicht. Die Schweiz und überhaupt unsere heutige Ethik zeigt der Autor nur kurz auf, und das doch so prägnant. Ja, wir wissen ganz genau, was richtig und falsch ist. Und was hat dies mit uns zu tun?

Links zum Thema:
Das Geheimnis von Rechnitz – Die mit den Mördern tanzte (Frankfurter Allgemeine)
Massaker von Rechnitz (Wikiwand)
Das Grauen von Rechnitz (Süddeutsche Zeitung)
Erinnerungsbuch von Sacha Batthyany – Die Verbrechen der Verwandten (NZZ)

Manuela Hofstätter

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