Sibylle Berg / GRM: Brainfuck

by Manuela Hofstätter on 25. Oktober 2019

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2019
Büchertalk: Sibylle Berg / GRM
Gastbesprechung zum Roman von Sibylle Berg / GRM

Rochdale, ein Ort in England, eine neue Weltordnung ist am Entstehen, die Welt 4.0. Drohnen, Algorithmen, eine Gesellschaft, dem Konsum verfallen, während die Niederlande den steigenden Wasserpegeln ihren Untergang zu verdanken haben, steht die Welt sowieso kopf. All der Billigschrott, den man aber unbedingt haben muss, der kommt aus dem chinesischen Raum. Die Digitalisierung kann alles, was Menschen bislang konnten, übernehmen. Das Grundeinkommen in England beglückt blauäugig fast alle Menschen, die Obdachlosen und Kinder ohne nennenswerte Familienstrukturen fallen durch das ausgeklügelte und manipulative System. Aber hey, Pillen werden konsumiert und in der Folge davon stellt man fest, dass die Aggressivität der Menschen abnimmt, diese keinen Sexualdrang und kaum mehr eine Fähigkeit logisch zu denken, geschweige denn Kreativität entwickeln können. Am Handgelenk hat man einen Chip, sein Grundeinkommen kann man erhöhen, indem man sich eine Bodycam holt, welche alles aufzeichnet, was man tun, somit kann man soziale Punkte sammeln und sei es beim Hundescheiss aufsammeln. Peter, Don, Hannah und Karen sind verlorene Kinder inmitten dieser Entwicklung, sie finden einander und sie versuchen, sich zu rächen, in Auflehnung gegen das System aufzubegehren, doch das ist nicht so einfach. Die Programmierer leisten ganze Arbeit, Roboter erfüllen jegliche Wünsche in allen Lebensbereichen. Während die Jugend, die Rebellen, sich noch verweigern, GRM, den Sound ihrer Zeit hören, wird Strom limitiert, das Leben optimiert und alles geht vor die Hunde. Die künstliche Intelligenz übernimmt schleichend aber konstant die Macht. Die Fehlerquelle Mensch ist nicht mehr tragbar. In England stehen Wahlen an, ein alternder Politiker muss seinen Untergang an den Bildschirmen mitansehen. Ja, es ist soweit, der künstlichen Intelligenz gehört die Macht, kann das gut ausgehen, oder naht gar der Weltuntergang?

Fazit: Denn sie wissen nicht, was sie tun …
Frau Berg weiss erschreckend exakt Bescheid über das unsägliche Tun der Menschheit und weiss auch, warum es soweit kommt. Die Digitalisierung hat die Macht über uns erlangt, uns unbemerkt in den Stumpfsinn getrieben. Steht nun der Weltuntergang bevor? Aber nein, wir überleben noch ein Weilchen, stören uns nicht daran, dass manche Dinge verschwinden, selbst wenn das ganze Länder sind und auch Vogelgezwitscher wird überbewertet und wer braucht schon Insekten? Allenfalls gibt es bestimmt eine App mit Naturgeräuschen. “GRM: Brainfuck” ist ein heftiges Buch mit einem zuweilen derben Wortschatz, aber es ist eben verflucht nochmal die Wahrheit, und zwar im Originalton. Frau Berg hat einen ironisch bissigen Unterton in ihrer Sprache, sie lädt die geneigte Leserschaft ein, sich zu den Mitwissern der ganzen Misere zählen zu können, wenn sie Ihre Sätze komplizenhaft anreichert mit den Worten: “Sie wissen schon …” Diesen Roman kann man nicht so einfach weglesen, es besteht die Gefahr, depressiv zu werden, aber andererseits ist dieses Buch auch ein Manifest, welches uns aufrüttelt und als solches finde ich, ist es das klügste Buch, das ich seit langer Zeit gelesen habe.

Meine Wertung: 9/10

Sibylle Berg / GRM: Brainfuck
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Seiten: 640

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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