Sonja M. Schultz / Hundesohn

by Manuela Hofstätter on 21. November 2019

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1989, nach Jahren im Knast, versucht Hawk, früher Herbert genannt, draussen wieder zurechtzukommen, sein Leben in den Griff zu kriegen, was ihm nie gelang bisher. In ein edles Kaffee ging er als erstes, unglaublich der Geschmack dieser Tasse Kaffee, ein Kännchen warme schaumig Milch dazu, so was kannte er ja überhaupt nicht. Später dann doch Bier, zu viel Bier wieder und schliesslich ein Flammeninferno, sein geliebtes Auto verbrannt, so wie er fast mit ihm, er hat sie geliebt seine Alfasud Sprint. Das war eine Kriegserklärung, es wurde wohl noch nichts mit dem anständigen Leben, er würde sich rächen. Als Erstes hiess es also zurück nach Hamburg, seinen Nachtwächterjob gefährden, in der Not einen Krankenwagen “ausleihen”, sich der Vergangenheit stellen, er würde zu Lu gehen, er sah sie so deutlich vor sich, Lu in ihrer Hafenkneipe, Les Fleurs du Mal, Lu, seine verrückte Lu. Ach, er erinnerte sich noch gut daran zurück, wie er den Hof in Süddeutschland verliess, dem verhassten Vater entfloh, die traurige Mutter mit ihren schwarzen Haaren und traurigen dunklen Augen zurückliess. Seine Mutter Rosie war ja immer die Fremde gewesen, die Feindin. Warum nur hatte sie sich als junge Amerikanerin ausgerechnet auf den Vater eingelassen? Damals hatten die Deutschen die weissen Fahnen gehisst und die Amis zogen mit ihrem breiten Lächeln durch die Strassen, was hatte sie damals als Siegerin mit dem deutschen Verlierer bloss angefangen, es war eine Tragödie. Nun war er mit seinen fünfzehn Jahren der Fremde im grossen Hafen Hamburg, alle nannten ihn bloss den Kleinen, einer meinte es gut mit ihm, doch er verstand diesen Freund leider falsch. Hawk war zäh, schulterte Kakaosäcke, Bananenstauden, ganze Schweine, irgendwann gehörte er dazu, wurde getauft. Dann wählte ihn Pik-Johnny aus, sah in ihm die Kraft eines Siegers, er glaubte ihn in blinder Bewunderung, was ihn dann Jahre danach in den Knast gebracht hat. Doch diesen überlebte er auch dank des harten Boxtrainings zuvor. Jetzt also hiess es den Kiez aufmischen, Präsenz zeigen, seinen Feind aus dem Busch klopfen, wer trachtete ihm nach dem Leben? Lu hatte ihn abgewiesen, doch er würde nicht aufgeben, er war ein Kämpfer, er wollte endlich ein Leben, war ja auch höchste Zeit. Doch war St. Pauli noch so wie früher? Auf den verkannten Freund traf er nicht mehr, der sei verstorben, hiess es, und in seiner Kneipe verkaufte ein aalglatter Kerl nun Nippeskram an Touristen. Ach, die Reeperbahn ohne die Bordsteinschwalben von damals, ohne Schiessereien, Schutzgeld und harte Drogen, das konnte ja nicht angehen. Er würde die alten Bekannten finden. Er wurde aber auch von alten Erinnerungen eingeholt, etwa an seine alte Liebe Nada, die damals mit den ersten Menschen 69 auf dem Mond tanzte, verflucht, er wollte sie festhalten, doch sie fiel dann doch zu tief. Aber nun galt es, den Feind zu suchen, ruhigzustellen oder eben selbst draufzugehen. Falls er überleben sollte, dann konnte es ja eventuell doch noch etwas werden mit dem anständigen Leben oder gar mit Lu. Was war nur aus dem Kiez geworden?

Fazit: Einmal Hamburger Kiez, immer Hamburger Kiez!
In diesem Debüt steckt in der Tat noch der echte, alte Hamburger Kiez, die Reeperbahn, St. Pauli von den noch legendären Zeiten der Siebzigerjahre bis in die Achtziger hinein. Vom wilden Sex, Rock ‘n’ Roll und Drogen bis zum heutigen Touristenschabernack erzählt uns die Autorin die Abenteuer ihres Antihelden Herberts, doch dieser Kerl ist wirklich unverwüstlich und erobert sich einen Platz in vielen Herzen. In Rückblenden erfahren wir auch viel über Herberts Eltern und ahnen, warum kommen musste, was kam. Diese herbe Zeit, in welcher eine Band noch eine Show abgeliefert hat, in der nicht nur die Gitarren kaputt gingen, aber eben auch die Zeit, als das organisierte Verbrechen den Hagen und Kiez in festen Händen hielt. Keiner, der da mal mitmischte, kommt davon wieder los, oder etwa doch? Ein stimmungsvoller Roman, damit sicherlich nichts für zartbesaitete Leserinnen, aber durchaus mit einem unwiderstehlichen Sog, ja gar der Romantik der “bösen” Zeiten und einer zuweilen zu Tränen rührenden Melancholie, die die Autorin gekonnt aufleben lässt.

Meine Wertung: 8/10

Sonja M. Schultz / Hundesohn
Verlag: Kampa, Seiten: 320

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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