Stef Stauffer / Hingerhang

by Manuela Hofstätter on 29. März 2019

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Vom Aufwachsen und vom Erwachsenwerden in den Jahren vor, um und nach 1965 im Bernbiet berichtet “Hingerhang” im stimmigsten Berndeutsch der damaligen Zeit, welches auch einmal derb daher kommt und aber so “uuhuereschön” ist, dass man es heute langsam vermisst. Die Erzählerin ein junges Modi, vermag sehr bildhaft darüber zu berichten, was man wollte damals als Jugendliche und wie das so war, mit einer älteren Schwester, einem nervigen Bruder und vielen unerreichbaren Wünschen. In den Augen der Eltern wechselte man ja jeweils das Alter, einmal war man noch viel zu klein für etwas, das man inniglich wollte und dann kurz darauf doch schon viel zu gross, um etwas noch haben zu dürfen, verstehe einer die Erwachsenen, so, so wollte man nie, nie und niemals werden in seinem Leben. Was sollte man schon machen im Sommer auf dem Land? Zum Glück gab es dann eine Familie mit einem Pool, sie waren gar so nett, wenn ihre Gäste weg waren, durfte man immer bei ihnen baden gehen, das machte man, das machte man oft, doch das wurde dann auch langweilig mit der Zeit. Was wollte man bloss? Ein Pferd, das wollte man, und es gab trotz intensiven, unermüdlichen Bittens daheim kein Gehör für diesen Wunschtraum, aber zum Glück gab es den Hof von Bieris, eben kein Hof, mehr ein Reitstall mit vielen Pferden und noch viel mehr Arbeit. Man war fast am Ziel seiner Träume, bei Bieris arbeiten gehen, das wurde einem gewährt, Bieris liessen einen auch nie in der Gegend stehen und etwa ruhen, nein, sie wiesen einem ständig mehr als genug Arbeit zu, der Ton war streng, aber auch wohlwollend. Ja, und dann durfte man das erste Mal wirklich Reiten und so träumte man von der Karriere als Springreiterin, doch zuerst galt es, die dafür nötige Lizenz zu erlangen. Ja Jungs, Jungs gab es auch, doch die langweilten eher nur, im direkten Vergleich mit einem Pferd schnitten sie denkbar kläglich ab. Bei Bieris gab es einen, den Bützu nannten ihn alle, der war ein Plagöri, wie man keinen zweiten finden konnte, doch irgendwie hatte er eben doch etwas an sich, der Bützu. Und als er ihnen auf einem Ausflug in den Jura sein eigenes Rassepferd zeigen wollte, da lachte ihn dann niemand gerne offen aus, denn Träume durfte doch jeder haben. Schliesslich war es dann irgendwann tatsächlich soweit, wenn auch mit dem zuweilen störrischen Käru, die Springreitprüfung kam und ging erfolglos vorbei, wegen diesem blöden Käru, der natürlich ausgerechnet dann spinnen musste, als es ernst galt, das dumme Viech. Doch ab und zu gab es auch Überraschungen im positiven Bereich, wie etwa Glacé für alle an einem heissen, arbeitsintensiven Sommertag auf dem Reitstall oder Tschuba Tschups für alle, so war das Leben für einmal tatsächlich ein Schleck. Ja, das Leben, darüber dachte man schon nach, an der Schwelle zum Erwachsenwerden und machte so allerlei Erfahrungen, die einem schliesslich an den Punkt brachten, wo man nicht alles wusste, nein, das würde man nie, und das ist auch gut so. Aber sie war nun vom Modi zur jungen Frau geworden und wusste ganz sicher, was sie nicht wollte und das war schon mal gar nicht schlecht.

Fazit: Erwachsenwerden in Berner Mundart, ein galoppierendes Meisterstück, dieses Mundart-Vollblutwerk!
Stef Stauffer schreibt in einem so klangvollen, stimmigen Berndeutsch eine Geschichte von ihren Jugendjahren, die erheitert einem dermassen, da kann man so herrlich oft lachen, so viele Situationen sind mir so vertraut vorgekommen, ich wuchs ja etwas später auf, aber eben bei meinen Grosseltern, und so stimmt für mich etliches noch genauso überein. Allen die Berndeutsch verstehen, sei dieses Buch ans Herz gelegt und all denjenigen, die es unverfälscht kennenlernen wollen, ebenso. “Hingerhang” ist eine anatomische Bezeichnung beim Pferd, aber auch ein Ausdruck, der etwas Verstecktes, Überraschendes noch hervorbringt im richtigen Moment. Mit “Hingerhang” hat man tatsächlich noch ein Buch in der Hinterhand, welches wahrlich überrascht und das Leserherz erfrischt. Büne Huber hat es auf den Punkt gebracht: “Hingerhang isch es Buech für ds Härz u für e Gring. Aber vor auem ou für ds Zwärchfäu. Bi bim Läse meh weder einisch schier verreckt. D Stoufferstef, die schrybt so, wi mir hie schnure u verzeut Gschichte, wo me hie haut so erläbt. Huereguet im Fau.”

Meine Wertung: 9/10

Stef Stauffer / Hingerhang
Verlag: Zytglogge, Seiten: 136

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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