Tabea Steiner / Balg

by Manuela Hofstätter on 21. Februar 2019

Post image for Tabea Steiner / Balg

Chris und Antonia sind ein glückliches Paar, nun werden sie Eltern und haben beschlossen, von der Stadt aufs Land zu ziehen, besonders Chris findet das exakt die richtige Umgebung, um ein Kind grosszuziehen. Es ist Antonias Dorf, in welches sie ziehen, nicht zuletzt aus praktischen Gründen, denn Antonias Mutter lebt auch im Dorf und wird so sicherlich zum Hüten bereitstehen. Doch die Idylle hält nicht lange, Timon kommt zur Welt und das Elternsein ist eben nicht ganz ohne. Chris bekommt nur mit Mühe wenige Aufträge rein, er ist einfach zu weit ab vom Geschehen, er vermisst seine Freunde in der Stadt, die Beziehungen fehlen ihm. Schliesslich ist es Antonia, die Arbeit findet aber wenig Gefallen daran, wie Chris Haushalt und Vaterschaft meistert, immer öfter kracht es zwischen ihnen. Antonia holen die Geister der Vergangenheit ein im Dorf, es sind nicht gute Erinnerungen, Erinnerungen an Valentin, den damaligen Lehrer und Vater von Antonias Freundin. Valentin ist nun Briefträger im Dorf, er lebt einsam und zurückgezogen in seinem Häuschen, seine Frau hat ihn verlassen, zu seiner Tochter hat er den Kontakt verloren, zurecht, wie Antonia findet. Ausgerechnet mit Valentin baut aber Chris und vor allem Timon einen Kontakt auf. Timons Entwicklung ist auffällig, schon im Kindergarten prügelt er sich ständig, zerstört Dinge und später auch Tiere. Aber Timons Kindheit ist eben schwierig, der Vater ist inzwischen weg, hat eine andere Frau geheiratet, Timon hat einen kleinen Halbbruder bekommen und darf nur in den Ferien und an manchen Wochenenden Zeit bei seinem Vater und dessen Familie verbringen. Mit elf Jahren ist Timon ein heimlicher Raucher mit noch mehr Geheimnissen, eines, das kostbarste, heisst Valentin. Immer wieder und laufend mehr verbringt er Zeit bei dem alten Mann, bei Valentin muss er nichts erklären, der lässt ihn in Ruhe, ist immer für ihn da, will ihn nicht verändern, bei Valentin hat es Hasen und immer etwas zu Essen. Die Mutter hat ja kaum Geld und dafür plötzlich diesen dummen Markus. Markus ist ein Idiot, er hasst Timon, da ist sich dieser sicher, und tatsächlich spitzt sich die Situation zu Hause immer unangenehmer zu. Schliesslich lebt Timon eine Zeit lang auf einem Bauernhof, dort erlebt er die Erwachsenen wie auch die Kinder, zwei Mädchen positiv, doch als er wieder daheim ist, eskaliert alles. Timon will nie wieder heim, seine Mutter hat ihn bestohlen, sucht ihn nicht einmal, als er untertaucht, was ist das für eine Mutter? Antonia merkt, wie ihr alles entgleitet, sie muss etwas unternehmen und hat eine Idee.

Fazit: Trügerische Familien- und Dorfidylle, Timon, eine Kindheit mit Hindernissen.
Das Debüt von Tabea Steiner entwickelt beim Lesen einen Sog, die verschiedenen Erzählperspektiven ihrer Protagonisten ergeben ein dichtes Bild einer Familie, einer Dorfgemeinschaft, eines Kindes in Not. Dabei ist es nicht nur Timons Not, welche Tabea Steiner fein aufzeigt, nein, besonders auch die Not der Grossmutter, die ihre Tochter nicht verstehen kann und mitleidet wie auch Valentins Einsamkeit und Sehnsucht nach seiner Tochter und Frieden im Dorfklatsch, haben mich tief berührt. Antonias Not ist bedrückend, verharrt sie doch gefangen darin und fragt sich selber, was für eine Mutter sie bloss ist. Doch Steiners Roman ist kein trauriger, denn es sind die kleinen Schritte der Protagonisten, die Grosses bewegen, die Raum schaffen für die Hoffnung, welche ja bekanntlich zuletzt stirbt. Ein beeindruckendes, aufwühlendes Debüt mit vielen unvergesslichen Szenen, ein zutiefst menschliches Buch einer Autorin, die ein sicheres Gespür hat für Menschen, Gefühle und Situationen.

Meine Wertung: 8/10

Tabea Steiner / Balg
Verlag: Edition Bücherlese, Seiten: 240

Tabea Steiner am 14. Thuner Literaturfestival – literaare.ch
Zum Ab­schluss des Fes­ti­vals 2019 wer­den zwei De­büt­ro­mane ge­fei­ert, de­ren Ur­he­be­rin und Ur­he­ber eng mit Li­tera­are ver­knüpft sind.
Do­nat Blum (*1986) lebt in Ber­lin und ist seit 2017 Mit­glied der Pro­gramm­kom­mis­sion von Li­tera­are. Mit opoe legt er ein fu­rio­ses, lei­den­schaft­li­ches De­büt vor. Es han­delt von Ab­wei­chung und An­pas­sung, von Liebe und Lust, von Frei­heit und Schmerz. Ver­knüpft wer­den da­bei zwei Ge­ne­ra­tio­nen. Opoe (nie­derl. Gross­mut­ter) kam nach dem Krieg in die Schweiz und konnte hier nicht glück­lich wer­den. Ihr En­kel sucht und ent­deckt ihre Ge­schichte, de­ren Tra­gik bald mit dem ei­ge­nen, kom­pli­zier­ten Lie­bes­le­ben ver­schwimmt.
Ta­bea Stei­ner (*1981) lebt in Zü­rich und hat vor 14 Jah­ren Li­tera­are ge­grün­det. Ihr De­büt­ro­man balghan­delt von ei­ner so trau­ri­gen wie grau­sa­men Kind­heit, von Er­zie­hung und El­tern­schaft und von ei­ner Dor­fidylle, in der al­ler­lei Ge­schich­ten lau­ern und vor al­lem alte, un­aus­ge­spro­chene Ver­hält­nisse die Le­ben al­ler mit­be­stim­men.
Mo­de­ra­tion: Ma­nuela Hof­stät­ter, le­se­fie­ber.ch

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment