Tara Westover / Befreit

by Manuela Hofstätter on 8. November 2018

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Die Familie Westover lebt auf dem Berg Buck Peak in Idaho, der Vater ist ein fanatisch gläubiger Mormone, der den Weltuntergang nahen sieht, er hortet Lebensmittel und Treibstoff ebenso wie Waffen, um sich dann vor Angreifern schützen zu können. Sie leben auf einer Farm mit einem Schrottplatz, mit welchem der Vater Geld zu verdienen versucht und aber immer wieder Verluste, Rückschläge und Unfälle verursacht. Die Mutter heilt mit ihrer Gabe, ihren Pflanzentinkturen und Ölen, sie wird ein riesiges Imperium aufbauen damit und immer ist es eigentlich sie, die das Einkommen in die Familie bringt. Doch die Rollen sind klar verteilt, der Mann ist das Oberhaupt, die Frau und die Kinder haben sich seiner Meinung anzuschliessen und ihm zu gehorchen. Die Mädchen und Jungs wachsen in einer harten Umgebung und von körperlich schwer geprägter Arbeit auf und sehen sich ständig Gottes Zorn gegenüber, wenn sie Fehler machen. Der Vater leidet unter einer bipolaren Störung, doch das wird in der Familie nie thematisiert, Ärzte oder ein Spital werden eben so wenig aufgesucht wie eine Schule, die Kinder werden zu Hause unterrichtet. Denn der Staat ist dem Teufel verfallen, überall lauert die Sünde. Doch Tochter Tara wird einen anderen Weg gehen, sie macht sich ihre eigenen Gedanken. Körperliche Schmerzen ist sie gewohnt, schlimme Unfälle auf dem Schrottplatz hat sie überlebt, die psychische Gewalt aber nagt an ihrer Kraft. Ein Bruder aber ist gewalttätig, er packt sie am Genick, drückt ihren Kopf so lange in die Toilettenschüssel, bis sie sagt, sie sei eine Hure. Dieser Bruder wird immer wieder gewalttätig, ist dazwischen aber oft so charmant und charismatisch, dass er sein Umfeld immer täuschen oder ruhigstellen kann. Tara arbeitet nebenbei in einem Lebensmittelgeschäft, sie spart und schafft es, mit 17 Jahren kann sie zu ersten Mal ein Schulzimmer betreten. Langsam erschliesst sich für Tara die Welt durch Wissen, durch Bildung, das Wort Holocaust klingt in ihren Ohren lustig, wie sehr erschrickt sie dann, als sie dessen Bedeutung erfasst. Immer wieder geht Tara zurück auf den Berg, zu ihrer Familie, die Ablösung von dieser ist sehr schmerzhaft, denn es ändert sich nichts, auch dann nicht, wenn die Mutter sich einmal mehr gegen ihren Mann oder die ältere Schwester auflehnt, sie um Verzeihung bittet, weil sie es nicht geschafft hat, Tara vor dem Bruder zu beschützen. Tara arbeitet hart um später Studiengebühren und ihre Unterkunft bezahlen zu können, ja sie studiert, gelangt schliesslich nach Cambridge und nach Harvard. Mit der Familie kommt es dann schlussendlich zum bitteren, wie aber auch wichtigen Bruch, doch Tara ist einen weiten Weg gegangen und hat gelernt, Hilfe annehmen zu können, sich Freunden anzuvertrauen, sie hat sogar eine Art neue Familie geschenkt bekommen, denn zwei Tanten wie auch ein Bruder und dessen Familie haben den Mut gehabt, sich hinter Tara zu stellen. Bildung hat Tara Kraft gegeben und Halt, ihre Geschichte ist schlicht unglaublich zu lesen und macht hoffentlich vielen Menschen Mut.

Fazit: Bildung befreit!
Tara Westover hat ihre unfassbare Kindheit in diesem ihrem ersten Roman verarbeitet, wir lesen mit grosser Betroffenheit und auch Bewunderung, wie diese starke Person ihren Weg gegangen ist. Einen Weg, weg von einem religiös fanatischem, mormonischem Elternhaus, in welchem Gewalt toleriert wurde und alles im Namen Gottes schöngeredet wurde. Fanatische Religion richtet immensen Schaden an und es ist ein langer Prozess, über einen solchen hinwegzukommen. Dieses Debüt von Tara Westover liest sich wie ein Krimi, erschrocken stellt man dann fest, dass es sich um ihre Kindheit handelt und kann kaum fassen, was man da gelesen hat. Ein heftiger Roman und zugleich ein wundervoller, denn die Kraft einer guten Ausbildung und Bildung erschliesst hier die Welt und zeigt, dass jeder Mensch fähig ist, dafür zu kämpfen.

Meine Wertung: 7/10

Tara Westover / Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eike Schönfeld
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Seiten: 448

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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