Therese Bichsel / Überleben am Red River

by Manuela Hofstätter on 5. Juli 2018

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Die Hungerjahre in der Schweiz um 1816/1817 haben viele Familien in tiefe Not gebracht, so auch die Familie Rindisbacher mit ihren sieben Kindern aus Eggiwil. Der Vater musste den Bauernhof aufgeben, sie zogen in eine Wohnung nach Münsingen, doch jetzt heisst es für die grösseren Kinder arbeiten, Webstühle stehen in der Wohnung, der Vater versucht, das Tuch zu verkaufen, aber es geht der Familie schlecht. Gerade recht kommt da dem Vater der Patrizier Hauptmann Rudolf von May, er wirbt in Bern und Neuenburg Familien an, um diese ins gelobte Land Kanada in die Siedlung am Red River zu locken, welche er in einer Werbeschrift als fruchtbares Paradies ankündigt. Der Vater entscheidet, die Familie wird auswandern. Die älteste Tochter Elisabeth blickt bang in die Zukunft, zudem hatte sie doch einen Jungen, der ihr lieb war. Peter freut sich am meisten auf die Reise und die neue Zukunft, er hat Farben geschenkt bekommen und wird neue Motive zum Malen haben, er ist begabt, Elisabeth liebt den Bruder innig, das macht für sie den Aufbruch leichter. Die Fahrt beginnt auf der Aare, geht weiter auf dem Rhein, viele Menschen treffen zusammen, einige sprechen französisch, was man gleich zu lernen beginnt, schliesslich wird man zusammen einem grossen Neuanfang entgegenreisen. Die Familie Scheidegger ist den Rindisbachers nahe, man hilft sich, hofft auf eine gute Zukunft. Das Meer aber macht sie fast alle krank, es läuft alles nicht so wie versprochen, der Hauptmann selber begleitet die Auswanderer auch nicht, ein erstes Kind stirbt, die Strapazen der Reise werden weitere Leben fordern. Schliesslich ist ihr Schiff gar im Eis festgefroren, einzig der Rum, welchen man sogar den Kindern reicht, kann alle ein wenig wärmen, die Verzweiflung ist gross. Doch auch der Landweg im neuen Land erweist sich als kräftezehrende Katastrophe, die Familie Rindisbacher verliert ein Kind, Sämi ist gestorben. Als die Siedler in der Kolonie am Red River ankommen, sind sie ausgemergelt und am Ende, der Winter zeigt schon seine Macht, bauen können sie ihre Häuser in diesem Jahr nicht mehr. Hunger wird ihr Begleiter sein weiterhin und nur der Handel mit den Indianern lässt sie überleben. Was den Soldaten vor Ort fehlt, sind Frauen, einzig durch eine Heirat können sich also die Siedler durch den ersten Winter retten. Elisabeth nimmt das Schicksal an und rettet durch ihre Heirat die Familie, sie haben nun ein Dach über dem Kopf, aber zu welchem Preis? Einige der Siedler waren so entsetzt über die Zustände, dass sie mit letzter Kraft weitergezogen sind, sie hoffen, in Amerika bessere Bedingungen zu finden, ein besseres Leben. Das Leben in der Kolonie am Red River ist ein hartes Leben, nichts von all den Versprechungen des Hauptmanns von May stimmt. Doch die Rindisbachers machen das Beste aus ihrer Situation, Peter malt und malt, ist befreundet mit den Indianern, verkauft oder tauscht Bilder. Elisabeth staunt, ihre Mutter wird erneut ein Kind bekommen, dabei haben sie schon ein Kind adoptiert und später wird auch Elisabeth schwanger. Doch einfach ist das Leben nicht, viele Schweizer merken, alles Kämpfen und ihr Recht einfordern bringt nichts, viele sparen und wollen die Rückreise in die Schweiz wagen. Elisabeths Baby ist zu klein, sie könnte die beschwerliche Reise nicht antreten, ihr Mann würde wohl auch nicht einwilligen. Was passiert mit der Familie Rindisbacher, was ist aus Scheideggers und all den anderen geworden?

Fazit: Auswandererschicksal armer Schweizer Siedler
Eine Familie wandert in den Jahren 1821-1826 zusammen mit 170 anderen Schweizern aus dem Kanton Bern und Neuenburg aus nach Kanada und Amerika. Auf der Basis genauer Recherchen und inspiriert von den Bildern des bekannten Indianermalers Peter Rindisbacher erzählt die Autorin Therese Bichsel über die Strapazen der Siedler, ihre geplatzten Hoffnungen und ihr Schicksal. Gerade auch für die Frauen war das eine unfassbar tragische Zeit, besonders die Tatsache, dass quasi “Zwangsheirat” der einzige Weg war, ein Dach über dem Kopf zu haben, erschüttert. Hunger und Verlust sowie nicht nur freundliche Begegnungen mit den Indianern geben uns Einblicke in das damalige Leben der Siedler. Beeindruckend, das zu lesen, auch im heutigen Kontext, wo viele Menschen auf ein besseres Leben in unserem Land hoffen, es gab Zeiten, da hofften wir das auch und flohen vor dem Elend hier, der Kanton bezahlte gerne einen Betrag, wenn er dafür ein paar hungrige Mäuler los wurde, die Geld und Hilfe forderten. Weitere Bilder von Peter Rindisbacher sind auf der Seite der Autorin zu finden: www.theresebichsel.ch.

Meine Wertung: 7/10

Therese Bichsel / Überleben am Red River
Verlag: Zytglogge, Seiten: 361

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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