Thomas Kadelbach / Tombola

by Manuela Hofstätter on 15. November 2017

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Marco hat keine einzige Sekunde an einen Irrtum gedacht, als er, angekommen in Belgrad, am Flughafen nach seinem Koffer greift. In Gedanken öden Marco die bevorstehenden Fachkongresstage an. Ja, gewiss, ab und zu kann er sich begeistern lassen von einem Vortrag, wird sein eigener gelingen, ankommen bei den Kollegen? Im Hotelzimmer will Marco die angemessene Bekleidung zurechtlegen, und da staunt er nicht schlecht, denn er hat nicht seinen Koffer vor sich. Der Inhalt des fremden Koffers löst in Marco Bestürzung aus, sein Referat wäre in seinem Koffer, er schildert an der Rezeption sein Problem und bittet, man möge für ihn am Flughafen nachfragen. Tatsächlich hat sich ein gewisser Herr Kapsopulos ebenfalls gemeldet, beruhigt macht Marco mit diesem einen Termin aus und denkt sich, nun sei er wieder ganz Herr der Lage. Herr Kapsopulos seinerseits, empfand seinen falschen Koffer als erheiternde Abwechslung, seine Termine rund um wichtige Immobiliengeschäfte hängen ihm schon lange zum Hals heraus. Doch in Belgrad verbringt in derselben Zeit eine ehemalige Frau Botschafterin eine ungemütliche Nacht im Hotellift und darüber hinaus stellt auch sie fest, offensichtlich mit dem falschen Gepäckstück unterwegs zu sein. Auch Tanja, Englischlehrerin an einer Privatschule, hat mit einem gewissen Amüsement festgestellt, die leidigen Prüfungen ihrer Schüler nicht korrigieren zu können, vorerst auf jeden Fall nicht, aber sie hat ja schon einen Termin zum Koffertauschen ausgemacht. So will es der Zufall, dass unsere vier Protagonisten in Belgrad zueinanderfinden, denn ihre falschen Koffer haben sie aus ihrer Routine gerissen und so schnell werden sie die Last ihres alten Gepäcks nicht wieder erreichen, denn es stellt sich heraus, dass die Geschichte der vertauschten Koffer noch nicht gelöst werden kann. Doch das Glück ganz allein muss es wohl sein, das unsere vier Gestrandeten an der Donau auf das Schiff von Zlatko führt, welches, seit er es instand gesetzt hat, den Namen “Lazy Days” trägt. Zlatko ist ein wunderbarer Gastgeber, der so eine Situation sofort erkennt und seinen besten Schnaps hervor holt und so werden Fremde zu Freunden und auch Zlatko erzählt. Zlatko erzählt die bewegende Geschichte seines Schiffes. Und all die Termine und falschen Koffer, fragen wir uns; fragen sich auch die Protagonisten? Nun, Marco hat seine Rede gehalten, ein Desaster war das. Frau Casagrande trifft sich mit ihren alten Diplomatenfreunden, merkt aber, wie komisch ihr Leben doch bislang verlaufen ist. Herr Kapsopulos hat seinen Koffer beherzt seinem Eigentümer im richtigen Moment überreichen wollen und befindet sich plötzlich und unverhofft in der Rolle des beflissenen Reiseführers durch Belgrad wieder. Tanja folgt ihren Gefühlen und bereichert mit Frau Casagrande das Entstehen eines aussergewöhnlichen Kunstwerkes in der Stadt, nur wegen des Inhalts ihres falschen Koffers, sei hier noch verraten. Auf der “Lazy Days” treffen sie alle immer wieder zusammen, Zlatko hat immer noch eine Flasche seines besten Schnapses und die Donau trägt sein wundervolles Schiff. Doch die Zeit der Tage in Belgrad neigt sich dem Ende zu, leider, da ist man sich einig und so schreibt Frau Casagrande die Rede ihres Lebens. Was wird diese in ihren neuen Freunden auslösen?

Fazit: Auf die sanfte Dynamik des Lebens!
Weder Cover noch Autorenfoto haben es mir angetan, als ich “Tombola” erhalten habe, aber da wusste ich noch nicht, welch kostbares, erfrischendes und absolut geniales Geschenk mir da in die Hände gefallen ist. “Tombola” beginnt als ruhiger Fluss, steigert sich dann kontinuierlich zu einem tosenden Finale hin. Das ist ein Buch über das Leben und uns Menschen, unsere Trägheit und Unlust, die wir durch unser “Gepäck” vielleicht in uns tragen. Kadelbach wirbelt seine Protagonisten auf, nimmt uns mit nach Belgrad, wir sind an der Donau und bereit, uns in einen strömenden Fluss zu werfen nach der Lektüre dieses Romans. Ich hoffe sehr, dass nun die Flughäfen unserer Erde nicht plötzlich einen rasanten Anstieg vertauschter Gepäckstücke zu bewältigen haben, nur weil jetzt vielleicht nicht nur ich am liebsten einmal mit einem falschen Koffer unterwegs wäre.

Meine Wertung: 9/10

Thomas Kadelbach / Tombola
Verlag: Offizin, Seiten: 288

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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