Thomas Meyer / Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin

by Manuela Hofstätter on 2. Dezember 2019

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Motti sitzt in einem Hotel in Zürich, er weiss genau, die Kohle geht ihm aus, Laura ist weg, noch schlimmer, sie hat schon einen anderen Mann und er, Motti, keine Familie mehr. Wer sich mit einer Schickse zusammentut, hat keine jüdische Familie mehr, sogar die Telefonnummern haben seine Eltern geändert. Doch eigentlich hat es Motti noch nicht ganz so schlimm getroffen, er hat auch schon gehört, dass Familien eine Todesanzeige veröffentlichten, um das fehlbare Familienmitglied endgültig loszuwerden. Plötzlich erhält Motti Besuch, die Rezeption informiert ihn, ein Herr Hirsch warte auf ihn. Motti kennt keinen Herrn Hirsch, aber er ist für alles offen, zur Zeit sogar noch weitaus mehr, was ja verständlich ist. Das Gespräch mit Herrn Hirsch verläuft erfreulich, Motti fliegt mit dem Mann nach Israel in die WG der verlorenen Söhne Israels, wie sich vor Ort herausstellt, eine heitere, bunt gemischte Truppe von Leuten, die Mottis Schicksal teilen. Auch eine Frau ist unter den “Söhnen”. Motti ist dankbar, wieder Menschen um sich zu haben und eine Aufgabe, die ihn vom Liebeskummer ablenkt und noch dazu seinen Lebensunterhalt in der WG sichert. Motti pflückt Jaffa Orangen, diese werden verkauft, so finanziert sich die WG. Bald aber erlebt Motti sehr Abenteuerliches in der WG und schliesslich, nach bestandenen Qualen und Prüfungen, wird er darüber aufgeklärt, dass seine Gruppe in Wahrheit das Weltjudentum aufbauen und an die Macht gelangen will. Motti findet das alles vorerst äussert amüsant und nimmt das nicht so ernst, aber da kann er ja noch nicht wissen, dass er bald das Oberhaupt der Organisation sein wird. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges haben sich ein paar hasserfüllte Nazis zusammengetan, einen neuen Führer auserkoren und tief im Berg drinnen die Alpenfestung Germania ständig weiter ausgebaut. Sie haben ganz konkrete Pläne, die Menschheit vom Judentum und allenfalls auch allen anderen Feinden zu befreien und das wahre Volk zu retten. Gefangene, Zwangsarbeiter werden in die Festung geführt, Juden, nein, aber Homosexuelle, Asoziale und Geisteskranke. Es werden jüdische Wissenschaftler entführt und grosse Errungenschaften gefeiert, besonders mit dem deutschen Volksrechner und dem Volksnetz will man Erfolge feiern, in jedem deutschen Haushalt soll so ein Gerät stehen. Mit den Jahrzehnten der Forschung werden die Endgeräte immer kleiner und dem Rest der Welt verkauft man zuweilen diese Dinger auch als Smartphones.

Fazit: Weltjudentum versus neogermanischem Hass, eine Doku-Komödie!
Während der viel gelobte erste Roman rund um den jüdischen Helden Motti, der sich in eine Schreckse verliebt hat, grosse Erfolge feierte, wird der zweite Wurf des Erfolgsautors eher kritischer besprochen. Persönlich finde ich den zweiten Roman weitaus gelungener, mutiger und vielschichtiger. Sämtliche Klischees werden umgeworfen oder bedient, je nachdem, wie man das lesen will. Was aberwitzig erscheint, erweist sich als bitterer, wahrer Fakt unserer Zeit. In diesem Roman steckt so viel drin, wenn man denn geneigt ist, dies zu erkennen. Für mich ist dieser Roman ein wahrhaft grosser Wurf!

Meine Wertung: 9/10

Thomas Meyer / Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin
Verlag: Diogenes, Seiten: 288

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