Tim Krohn / Erich Wyss übt den freien Fall

by Manuela Hofstätter on 9. Januar 2018

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Der Sommer 2001 ist ein heisser Sommer und wir dürfen zu den uns vertrauten Bewohnern des Zürcher Mietshauses zurückkehren. Genau, was macht wohl Hubert Brechbühl? Nun, Hubert erlebt mit Edith-Samyras unbekannte Beziehungsstadien und er bekommt beim Musizieren auf seiner Tuba eine Begleitung, der junge Pit gesellt sich zu ihm mit seinem Harmonium, dessen Töne nicht alle intakt sind. Hubert feiert mit Edith-Samyras bei den Wyssens Gerdas hohen Geburtstag, es wird eine ganz besonders schöne Feier. Erich und Gerda Wyss haben ja happige Zeiten hinter sich, ihr Enkel ist daran nicht ganz unschuldig und der Sohn ist auch nicht viel besser, dies muss Erich später feststellen und auch dementsprechend handeln. Pit und Petzi, das junge und nimmersatte Studentenpärchen im Haus, haben sich verändert. Petzi ist für Pit da, als dieser von seinen Eltern eiskalt verletzt wird, natürlich zeigen sie kein Verständnis, als Pit ihnen eröffnet, dass er das Philosophiestudium sausen lassen werde. Philosophiert wird im Mietshaus aber mehr den je und wenn die Costas ihren Besuch aus Griechenland endlich wieder los sind, heisst das leider immer noch nicht, dass es ruhiger wird bei ihnen. Die Costas vertonen nun nämlich so gewisse Filme ins Deutsche und stellen fest, dass sie doch nicht so richtig Talent dafür haben.
Julia ist immer noch alleinerziehende Mutter und ihre Tochter Mona nach wie vor herzerfrischend, beide sind sie vernarrt in Moritz, aber das sind ja bekanntlich viele. Doch Moritz ist immer zur Stelle, wenn Julia einen Babysitter braucht, Julia hat beim Verlag ja kaum mehr Arbeit und nun ist auch noch das Projekt von Selina geplatzt, für welches Julia doch geschrieben hat. Geldnöte gehören also zum Alltag von Julia, doch dann hat Mona eine richtig tolle Idee, die ihr wegen der tollen Faltvögel zugeflogen ist, die Moritz ihr immer schenkt. In Julias Leben kommen enorme Wendungen auf sie zu, schliesslich kann sie sogar Selina helfen. Selina, die traumhaft schöne Schauspielerin, sehnt sich nach der wahren Rolle, der wahren Kunst und nach sexuellen Abenteuern, doch diese bleiben meist aus. Dann wird die Welt erschüttert durch 9/11 und diese Erschütterung wirkt sich auch auf die Bewohner im Haus mehr oder weniger stark aus, natürlich wird auch darüber diskutiert und Moritz beendet ein Gespräch mit den folgenden Worten und Gedanken: “Engagiere ich mich nicht, steigen die Chancen, dass es schlecht ausgeht. Also ist die Entscheidung, an das Gute zu glauben, schon ein erster Schritt zu einer besseren Welt.”

Fazit: Da waren sie nur noch 10!
Meisterhaft führt Tim Krohn die Geschichten seiner elf Hausbewohner weiter und nicht nur ein Todesfall lässt die Hausbewohner erneut eine neue Ordnung zueinander finden. Alles Menschliche hat hier Raum und immer wieder werden wir überrascht mit Konstellationen, die erfrischend anders sind, als so gemeinhin angenommen werden könnte. Wenn etwa Selina einem Mann ihres Begehrens erklärt, dass sich Menschen nun einmal gerne paaren und Punkt und dieser dann entsetzt erwidert, das sei doch keine Lösung und Selinas Antwort dann lautet, doch und darin seien sie auch nur Tiere, dann ist dies einfach göttlich zu lesen. Aber in Krohns Buch ist alles herrlich zu lesen, da wird philosophiert genauso wie Klartext gesprochen, da entsteht ein facettenreiches Bild der Menschen und zugleich eine Erinnerung an gewisse Ereignisse der nahen Vergangenheit. Ein grossartiges Buch, das Buch, welches mich aus meiner Leseblockade gerissen hat und ich hoffe sehr fest, dass der Verlag Galiani wie angekündigt diesen Frühling den dritten Band herausbringen wird, denn sonst wird das bei mir nichts mit Frühlingsgefühlen!

Meine Wertung: 9/10

Band 1: Tim Krohn / Herr Brechbühl sucht eine Katze
Hier zum Projekt: http://www.menschliche-regungen.ch

Tim Krohn / Erich Wyss übt den freien Fall
Verlag: Galiani, Seiten: 491

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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1 Joel Januar 12, 2018 um 23:20 Uhr

Außergewöhnlicher Schreibstil, welcher mir aber sehr gefällt. Auch die Zeichenart des Covers ist gewöhnungsbedürftig, passt aber meiner Meinung nach zum Schreibstil.
Liebe Grüße
Joel von buechervergleich.org

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