Tim Krohn / Herr Brechbühl sucht eine Katze

by Manuela Hofstätter on 4. Juni 2017

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Wir schreiben das Jahr 2001, die Welt ist also nicht untergegangen und in einem Mehrfamilienhaus in Zürich nimmt das Leben der elf Bewohner seinen Gang. Selina, die junge, arbeitslose Schauspielerin etwa, blickt ratlos in ihre blanke Agenda, keine Engagements in weiter Sicht, das neue Jahr beginnt alles andere als verlockend, darum nimmt Selina auch einen kleinen Notjob in Berlin Pankow an, sie wird eine Rede halten, um eine Ausstellung zu eröffnen. Selina hat nur ein kleines Problem in Berlin, Kunst ist nicht wirklich ihr Ding. Als Selina heimkehrt, wird sie immerhin sogleich wieder gebraucht, ihre alte Theaterratte, Malkovic, welche sie dem Nachbarmädchen Mona überliess, ist krank, Mona hat einen Ausflug geplant und ihre Mutter Julia muss arbeiten und hat es als alleinerziehende Frau nicht leicht. Malkovic ist nicht mehr, aber er wurde gebührend verabschiedet, doch nun möchte Mona eine Katze, aber ihre Mutter, welche ganz froh ist, kein Tier mehr zu haben, schmettert den Wunsch ihrer Tochter mit der Begründung, dass sie zu hoch oben wohnen würden und das arme Tier nicht raus könne, ab. Dies bringt Mona auf die Idee, bei Herrn Brechbühl nachzufragen, ob dieser nicht zu einem Wohnungstausch bereit sei. Herr Brechbühl findet es gar nicht schön, dass er Monas Wunsch abschlagen muss, er hat nämlich vor Kurzem eine kuriose Botschaft empfangen, und er will sich dieser nicht verschliessen, es gilt also zu erkennen, auf welche Zeichen er eingehen soll. Herr Brechbühl lebt sehr geordnet und ist als einer der bekanntesten und begabtesten Tramfahrer, die es wohl je gegeben hat nun in Pension gegangen. Er hat sich dem Leben neu stellen müssen und bitter erfahren, dass eine Koryphäe wie er nicht mehr geschätzt wird. Es sind heftige Zeiten, aber ein Herr Brechbühl lässt sich nicht so schnell unterkriegen, er wird dem Leben neu entgegen gehen. Gerda und Erich Wyss wohnen in der kleinen Zweizimmerwohnung, sie sind beide 81 Jahre alt und warten auf den Tod. Gerda ist nicht mehr gut unterwegs auf ihren Füssen, aber sie wohnen nun schon seit fünfzig Jahren hier und würden ungern umziehen, zum Glück ist Erich noch besser beieinander und kann sein tägliches Märschlein machen und Gerda gut versorgen. Ihre Tage sind strukturiert, nur die Nächte machen ihnen zuweilen etwas Mühe, weil Gerda oft nicht einschlafen kann. Gerda hat immer gedacht, dass sie dem Tod eher entgegen geht, doch dann bricht Erich auf der Treppe zusammen und es verändert sich alles. Pit und Petzi sind das junge, frisch verliebte Studentenpaar im Hause, fast alle hören sie mehr, als dass man sie sieht, sie geniessen ihre erste, gemeinsame Bleibe und haben ein sehr reges und lautes Sexleben. Hat ihre Liebe eine Zukunft? Efgenia Costa war eine Frau, welche die Liebe und den Sex auch gemocht hat, doch dann regierte ein unbeschreiblicher Rückenschmerz über sie und nun leidet sie vor sich hin, ist verbittert und ihr Mann leidet mit, zudem haben sie Geldnöte. Moritz, ein junger, gut aussehender und lebensfroher Typ ist jeglichen Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht stets zugeneigt, er ist ein charmantes, cleveres Bürschchen und bemüht sich lieb um Mona und deren Mutter Julia. Julia sehnt sich nämlich nach Liebe und Körperlichkeiten, aber kann sie das beim deutlich jüngeren Moritz finden? Sie hat eigentlich nie Zeit, schon gar nicht für Sex. So leben sie also miteinander unter einem Dach, diese elf Menschen und wissen noch nicht, dass so viel, so vieles in ihren Leben noch passieren wird.

Fazit: Ein Haus, seine Menschen, ihre Gefühle, ihr Leben und Lieben!
Das klingt ja ganz simpel, aber wenn wir die elf Menschen in Tim Krohns erstem Band seiner Romanserie begegnen, dann merken wir, wie enorm reichhaltig dieser Roman ist. 65 Kapitel beinhalten ebenso viele menschliche Regungen und erzählen uns aus dem Leben der Hausbewohner. Es entsteht eine immer grössere Dichte, ein Wissen in uns, dass uns tiefe Einblicke in das Leben der Hausbewohner schenkt. Wir erleben mit ihnen die unterschiedlichsten Gefühle, tauchen ein in ihre Leben, einmal leiden wir, einmal erschaudern wir voller Wonne, dann schüttelt es uns vor Lachen, ach, das kann einfach nicht in Worte gefasst werden, das muss man selbst lesen! Eine eindringliche Leseempfehlung also, eine aus ganzem Herzen!

Meine Wertung: 9/10

Hier zum Projekt: http://www.menschliche-regungen.ch.
Es kann auch mitgespielt werden!
Ich habe Tim Krohn an den Solothurner Literaturtagen 2017 getroffen:
https://www.lesefieber.ch/eigene-texte/solothurner-literaturtage-2017/

Tim Krohn / Herr Brechbühl sucht eine Katze
Verlag: Galiani, Seiten: 480

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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