Tracy Barone / Das wilde Leben der Cheri Matzner

by Manuela Hofstätter on 6. Juli 2019

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1962, die Monroe stirbt, ein Mädchen erblickt das Licht der Welt in der Notaufnahme einer Klinik. Miriam ist drogensüchtig, jung und schön, aber Mutter sein kann sie definitiv nicht, sie flüchtet nach der Geburt aus der Klinik, hinterlässt die Adresse des angeblichen Kindesvaters und eine Kette zum Schutz ihres Mädchens, das nun allein zurückgelassen wird. Ein sehr junger Mann hat alles beobachtet und bittet seine Eltern, dieses Baby vorübergehend zu versorgen, was dann sogar klappt. Er möchte dem Mädchen die Kette mitgeben, denn einen Namen haben sie ihm bewusst noch nicht gegeben, und so hätte es eine Erinnerung an seine Mutter. Doch bevor er die Kette mitgeben kann, wird das Baby schnell adoptiert und er ahnt nicht, dass er Cheri diese Kette Jahre später doch noch wird überreichen können. Cici, die schöne Italienerin, hat den jüdischen Amerikaner und Arzt Solomon Matzner, Sol, im Sturm erobert, er vergöttert sie und ist für sie gar zum katholischen Glauben übergetreten, was ihre Familie wenig und seine ganz und gar nicht besänftigt. Cici ist anspruchsvoll, er erfüllt ihr jedem Wunsch. Als Cici bei der Geburt ihres Sohnes fast ums Leben kommt, verliert dieser seines nach ein paar Minuten und seine Mutter die Möglichkeit, weitere Kinder bekommen zu können. Cici steckt in einer tiefen Depression und so hat Sol schnell gehandelt und ein Baby adoptiert, ein Mädchen. Tatsächlich hilft dieses Baby Cici, sie liebt es endlos und als sie ihm den Namen Cheri gibt, welcher eigentlich der Kosename für Sol war, ahnt dieser, wie sein Leben nun wohl in etwa weiterlaufen wird. Cheri ist ein starkes Mädchen, wird zur eigenwilligen, wilden Frau, welche sich von ihrer Mutter Cici heftig losgesagt hat, sie ist Akademikerin geworden, lebt ihr Leben. Sol ist gestorben, dadurch ist Cici noch aufdringlicher geworden. Doch Cheri verweigert sogar die Pläne ihrer Mutter, anlässlich ihres vierzigsten Geburtstages eine Party für sie zu organisieren. Cheri hatte viele Lover, dann hat sie Michael geheiratet, sie hatten eine gute Zeit, waren sich einig, keine Kinder in die Welt setzen zu wollen, doch nun sieht Cheri das plötzlich anders. Als sich Cheri dazu entschliesst, Michael zu verlassen, bekommt dieser die Diagnose Krebs. Michael lebt nicht mehr lange, Cheri begleitet ihn und leidet. Jetzt ist es Cheri, die nach Michaels Tod in eine Depression fällt, Cici eilt zu ihrer Tochter und weiss, dass nun der Moment gekommen ist, ihr ein paar Dinge zu erzählen, die Cheri tatsächlich beeindrucken.

Fazit: Familie. Der ganz normale Wahnsinn!
Cheri ist eine beeindruckende Heldin, die sich in verschiedensten Themenfeldern ihrer Zeit bewegt, in der Familie prallen Kulturen und Religion aufeinander, beruflich setzt sich Cheri mit dem Weltgeschehen auseinander und muss als Frau kämpfen und gar um ihre Stellung als Professorin bangen. Der Kinderwunsch, den Cheri plötzlich doch entwickelt, der kommt zur ungünstigsten Zeit und sie muss stattdessen mit Trauer und Verlust umgehen. Dieses Debüt von Tracy Barone wird mit John Irvings Werken verglichen, ich kann das nachvollziehen und auch nicht. Gewiss aber ist dieses Debüt süffig zu lesen, absolut beachtenswert und Barone ist schon jetzt eine grosse Erzählerin, die sich garantiert sehr spannend entwickeln wird. Eine Entdeckung, ein heisser Lesetipp, eine gute Wahl fürs Reisegepäck.

Meine Wertung: 8/10

Tracy Barone / Das wilde Leben der Cheri Matzner
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Stefanie Schäfer
Verlag: Diogenes, Seiten: 512

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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1 Thorsten J. Pattberg Juli 8, 2019 um 01:47 Uhr

Liebe Manuela,

Eine gute Rezension. Ich hätte auch nicht mehr als 8 von 10 Sternen gegeben, aber auch nicht weniger. Was mir aufgefallen war: Der Titel ist abwegig. Was soll “wild” sein an diesem Leben? Alles stinknormal: Affäre, Depression, Juden, Krebs, Mama, Tochter, Trauma, und Vater. Wahrscheinlich ist die Übersetzung zu süffig geworden, aber Diogenes macht nun einmal Geld mit billigen ausländischen Übersetzungen (statt die heimischen Schriftsteller mehr zu fördern). Alles im allen doch ein geschliffener Frauenroman.

Alles Gute!
Thorsten J. Pattberg, Autor der Lehre vom Unterschied

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