Urs Faes / Halt auf Verlangen

by Manuela Hofstätter on 1. November 2017

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2017

Sprachlos ist er, als er die Diagnose erhält. Jetzt ist er selber betroffen, die Ahnung ist zur Gewissheit geworden. Die Welt, geht ihn die nun noch etwas an, fragt er sich und blickt in die Zeitung. Doch dann, als er im Elfer sitzt und zur Therapie fährt, tut er, was er immer getan hat, er kramt nach seinem Stift, er erschreibt, beschreibt, den Augenblick, das Vergangene, das Gewünschte. Der Elfer, wie man in Zürich dieses Tram nur nennt, fährt durchs mondäne Zürich, vorbei an Banken, noblen Geschäften und dann kommt nach 27 Minuten Fahrt seine Haltestelle, Balgrist, die Klinik. Der unbenannte Untergrund nimmt ihn auf, der Physiker und der Radiologe sprechen ihre fachchinesischen Sätze, alleine er weiss um ihre Bedeutung schon. Der Elfer würde noch weiter fahren, noch zwei Stationen, zuerst der Friedhof Enzenbühl und dann der zweite, Rehalp. Er hat sich erkundigt, wo es noch Plätze gibt. Er beobachtet einen Leser, im Gegensatz zu den Tabletisten, scheint die Lektüre dem Leser gut zu tun. Faes denkt an seine Kindheit, an den Vater, und wie er als Kind im Führerstand hatte mitfahren dürfen, an dieses Gefühl. An die Mutter, wie sie zusehen musste, wie ihr Mann zerbrach. An seine Frauen denkt er beim Schreiben, die realen, diejenigen aus seinen Werken, die erfundenen, eine feine Erotik lässt ihn in den kältesten Momenten einen Halt finden. Und der gute Freund Silaski, der ihm im richtigen Moment auch einmal barsch zurechtweist, ihm sagt, er müsse schreiben! Dann kommt er, der Tag, der letzten Bestrahlung, Frau Ana zum letzten, aber nun ist er nicht etwa ein Geheilter, nein, er gilt als behandelter Krebskranker, die Fahrt geht weiter, unter Beobachtung. Auch er wird weiter beobachten und tut gut daran. Möge er dies noch lange tun können.

Fazit: Mit Worten gegen die lähmende Angst
… dies sind die Worte von Urs Faes und in seinem Fahrtenbuch gibt er uns Einblick in sein persönlichstes Werk. Er, der eben noch für seinen vorhergegangenen Roman auf der Krebsstation recherchiert hat, wird kurz danach selbst zum Betroffenen. Aber nicht eine weitere Krankengeschichte wollte er schreiben, nein, er lässt die Literatur, seine Berufung erarbeiten, verarbeiten und so lesen wir manch Heiteres, manch Erotisches, präzise Beobachtungen aus dem Elfer Tram ebenso wie entrückte Fantasierückblicke aus seiner Kindheit, seiner Vergangenheit oder einfach aus seinem unmittelbaren Sehnen heraus. Ein spezielles Buch, keines, das man schnell weglesen kann, eines, das man langsam lesen muss und soll. Mich hat auch die Betrachtung der Lesenden von Faes entzückt, seine Freude zu sehen, dass viele Menschen in die Buchhandlung gehen im Gegensatz zu seiner Frage, ob es sinnvoll ist so viel zu Lesen, Filme zu sehen, ins Konzert oder ins Museum zu gehen. Ja, da denkt ein Feingeist, da dürfen wir Inspiration holen und Freude haben am Menschsein, denn darum geht es in “Halt auf Verlangen” vor allem!

Meine Wertung: 8/10

Urs Faes / Halt auf Verlangen
Verlag: Suhrkamp, Seiten: 199

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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