Ursula Hasler / Blindgänger

by Manuela Hofstätter on 18. Oktober 2016

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Jean-Pierre Marty erwacht an Schläuche angeschlossen in einem Spitalbett und er kann mit seinem angeblichen Namen genauso wenig anfangen, wie mit den beiden Frauen, die seine Frau und seine Tochter sein sollen. Er leidet an biografischem Gedächtnisverlust und man hofft, er werde sich bald wieder erinnern können. Da er es in seinem ihm fremden zu Hause nicht aushält, will er auf eigenen Wunsch in eine Klinik eingewiesen werden. Dort wird er von einem Psychiater behandelt, der eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet von Hirnerkrankungen ist. Der Fachmann findet den Fall Marty äusserst spannend, er lässt den Patienten dessen Tagebuchnotizen lesen und ihn ihm nahestehende Personen, um möglichst ein gutes Bild seines verloren gegangenen Ichs zu erhalten. Marty ist seit etlichen Jahren schon Lehrer an einem Gymnasium, sein Hauptfach Französisch ist zugleich der schlimmste Schwachpunkt im Leistungsausweis seiner Tochter. Doch die Tochter schleppt sich ohnehin mehr schlecht als recht durch die Schule, der Vater erntet dafür den Spott des Kollegiums. Einen guten Freund weiss er an seiner Seite, auch dieser Lehrer, Philosoph, beide sind sie sich offenbar schon lange einig gewesen, den Schuldienst schon viel zu lange zu ertragen, Aufbruchstimmung hatten sie schon lange, alleine der Mut fehlte ihnen offenbar. All dies erfährt Jean-Pierre, doch er kann es nicht erfassen, dass dies sein Leben gewesen sein soll. Es war am Gymnasium zu einem Eklat gekommen, er bekam wegen seiner vielen Dienstjahre einen langen Bildungsurlaub zugesprochen, das klang doch viel besser, diesen hat er in Frankreich verbracht, an der Küste in Royan, einem geschichtsträchtigen Ort. Jean-Pierre war aus zwei Gründen an der französischen Küste, er wollte etwas über seine wahre Herkunft herausfinden, denn er ist ein adoptiertes Waisenkind, die einzige Spur über seine wahre Herkunft liegt an der Atlantikküste. Er muss annehmen, ein Waisenkind der Kriegswirren zu sein, vielleicht mit jüdischen Wurzeln oder eines der über 200’000 Kinder, welche in Frankreich während der Besatzung der Deutschen mit dem Vermerk “Père Inconnu” zur Welt gekommen sind, doch er hat ja nicht einmal eine Geburtsurkunde. Seinen Zusammenbruch erlitt er nach seinem Frankreichaufenthalt – was also ist in dieser Zeit genau passiert? Während Jean-Pierre Marty sich ausdenkt, wie er nun weiterleben will, rätselt ein Fachmann über diesen abgeschlossenen Fall und wir wissen auch nicht wirklich mehr…

Ursula Hasler / Blindgänger

Fazit: Kann man seine Zukunft gestalten, ohne eine Vergangenheit zu haben?
Wie wichtig ist es zu wissen, wer man ist, welche Familie und Vergangenheit man hat? Ursula Hasler schafft es, uns auf diese Frage einige Denkansätze zu liefern und wir lesen ihren Roman atemlos. Ein Mann verliert sein Gedächtnis und schlittert dadurch schon ein zweites Mal in eine schwere Lebenskrise, denn auch schon damals, als er erfahren hat, ein adoptiertes Waisenkind zu sein, verlor er den Boden unter den Füssen. Wir erfahren von der Zeit in Frankreich und von einer ganzen Familien- und Liebesgeschichte während der Wehrmachtszeit an der Atlantikküste. Eine grossartige, bewegende Geschichte mit historischen Fakten, die uns erschüttern und dann spannt die Autorin den Bogen elegant fertig, wir landen wieder bei Jean-Pierre Marty, oder wer auch immer er ist oder sein will.

Meine Wertung: 9/10

Ursula Hasler / Blindgänger
Verlag: Limmat, Seiten: 358

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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