Usama Al Shahmani / In der Fremde sprechen die Bäume arabisch

by Manuela Hofstätter on 7. Mai 2019

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Als er in die Schweiz kommt, hat er nicht so viel Glück, wie sein Kumpel Bilal dies hat, denn dieser hat eine Tante, die schon im Jahr 1975 in die Schweiz gekommen ist, als die meisten Kommunisten den Irak verlassen haben, sie hat keine Ahnung vom Regime Saddam, kennt dies lediglich aus der Presse. Manchmal kann der Kumpel ein paar Tage das Asylantenheim verlassen und wird von der Tante unterstützt. Doch der Neffe ärgert sich über die Tante, denn diese ist so ganz und gar keine Irakerin mehr, sondern durch und durch Schweizerin und wenn sie von der Freude des Wanderns erzählt, können Usama und der Neffe nur den Kopf schütteln. Kein Iraker würde jemals freiwillig wandern gehen, es existiert nicht einmal ein Wort im Arabischen, das für etwas auch nur Ähnliches wie Wandern steht. Doch Usama trägt ein anderes Glück in seinem Herzen, er ist ein neugieriger, offener Mensch und will herausfinden, was es mit diesem Wandern auf sich hat. Während er in seiner Heimat den Wald als etwas gar gefährliches, unheilvolles abgespeichert hat, stellt er für ihn in der fremden Schweiz das grösste Glück dar, denn die Bäume, die verstehen alles. Usama läuft durch den Wald, spricht laut die Worte seiner Heimatsprache und die Bäume geben ihm Halt. Usama geht seinen Weg in der Fremde, er ist fleissig und arbeitet gerne, er hat Talent und Geschick, die neuen Sprachen zu erobern, aber in seinem Herzen ist die Sehnsucht nach der Heimat, welche ihn fast zerreisst und die Sorge um den Bruder Ali, der trotz aller Warnungen in seiner Stadt Bagdad bleibt und weiter studieren will. Ali, der Augenstern der Familie, der als kleines Kind einmal fast an einem Aprikosenkern erstickte, aus diesem Kern wurde ein Aprikosenbaum im Garten des Elternhauses. Ali berichtet am Telefon, es sei normal geworden, dass der Tigris Leichen mit sich führe oder Hunde ebensolche auffressen in der Stadt. Vom Jubel, der später folgte, als Saddams Statue stürzte, ist nicht viel übrig geblieben, die neue irakische Epoche funktioniert nicht, Ali hat seinen Namen und seine Daten auf seine Jeans geschrieben, so tun es viele in Bagdad, damit man ihre Leichen erkennen wird. Die Zeit ist verstrichen, Usama hat Frau und Kinder, da erreicht ihn die Nachricht seines anderen Bruders Naser, sein Bruder Ali sei spurlos verschwunden, die Familie in grosser Verzweiflung, die Mutter wolle sich von nun an daran klammern, dass Ali sicherlich noch lebe. Usamas Herz ist zerrissen, er lauscht den Berichten seines Bruders und der Schwester, die Ali am nächsten war, er leidet und er geht wandern. Von Frauenfeld nach Stein am Rhein, das wird ein Weg, den er für sich “Die Strecke der Heilung” nennt. Der Bürgerkrieg von 2005 bis 2007 hat zwischen vier- und sechshunderttausend Menschen verschwinden lassen, schätzt eine Statistik, Ali ist einer von ihnen. Usama ist ein Wanderer zwischen den Zeiten und Welten geworden, er besucht regelmässig seine Heimat, auch im Wissen, dass dies für ihn nicht ungefährlich ist.

Fazit: Wanderer zwischen den Zeiten, Ländern und Sprachen.
Usama Al Shahmani lebt mit seiner Familie in Frauenfeld, er zeigt uns mit diesem Roman seine Geschichte, es ist die Geschichte so vieler Menschen, er hat einen Weg gefunden zu überleben, den Schmerz zu tragen und doch voller Liebe zu sein. Dass er auf Deutsch so schreiben kann, ist für mich ein Wunder, die Bäume haben wohl arabisch und deutsch mit ihm kommuniziert, die Natur und der Wald geben Halt und Geborgenheit, spenden Trost, das allein finde ich schon eine so wichtige Botschaft und was wir über Heimat, Liebe, den Irak und die Welt erfahren in diesem Buch, das ist so traurig wie wichtig, so schön und wertvoll, ein wichtiges Buch von einer grossen, poetischen Kraft!

Meine Wertung: 8/10

Usama Al Shahmani / In der Fremde sprechen die Bäume arabisch
Verlag: Limmat, Seiten: 192

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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