Verena Blum-Bruni / Das gestrandete Schiff

by Manuela Hofstätter on 15. August 2014

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Mitte des 20. Jahrhunderts, eine kleine Gemeinde im Kanton Bern. Peter hat das Pech, dass er als eines von mehreren Kindern zur Welt kommt und dies eben in einer richtig armen Familie. Kaum abgestillt erfährt Peter schon, was es heisst, ein Verdingkind zu sein. Er liebt seine Mutter Klara, doch die tüchtige Frau arbeitet und arbeitet so viel sie nur kann und schafft es doch nur ganz selten, eine Fahrkarte zu erwerben, um ihre verdingten Kinder zu besuchen. Der Vater, Jakob, hat den Kampf gegen den Alkohol endgültig verloren und darum auch jede Arbeitsstelle innert kürzester Zeit. Peter ist ein fröhliches, liebes Kind, auch wenn er immer wieder herumgeschoben wird wie ein Möbelstück. Die schönste Zeit in seinem kurzen Leben hat er bei einem Schuhmacher und dessen Frau erlebt und in einem Kinderheim am Thunersee. Im Heim liebt Peter das Salatwaschen am Brunnen, die Köchin lässt den Buben “choseln”, das ist für Peter das allergrösste. Peter hat auch eine Freundin im Heim, sie spielen stundenlang zufrieden zusammen am Brunnen. Schliesslich kann er aus einem Holzscheit, ein paar Nägeln und zwei leeren Fadenspulen ein Schiff bauen, das simple Spielzeug ist für Peter das grösste Glück. Seine Blüemlisalp, so heisst das prächtigste Schiff auf dem Thunersee, bedeutet Peter alles. Abrupt endet Peters Zeit im Heim, ein neuer “Vater” holt ihn ab, setzt ihn hinten auf sein Velo und fährt ungeduldig los mit ihm, vor den Augen der Leute des Kinderheimes, welche Peter nachwinken, reisst der Mann das Holzschiff aus den Händen des Buben und wirft es achtlos weg. Peter weint, der “Vater” tröstet ihn nicht, er werde sowieso keine Zeit zum Spielen haben. Die neue “Mutter” ist eine wortkarge, harte Frau, einzig das Beten ist den beiden wichtig und die harte Arbeit als Bauern am Berg. Peter muss bis zum Umfallen arbeiten und doch macht er alles falsch in den Augen seiner Pflegeeltern. Statt Pflege erfährt Peter Gewaltausbrüche, seelische wie körperliche, er magert ab, hungert, muss meistens im Hühnerstall schlafen, auch im Winter. Die “frommen” Leute lassen ihn am Sonntag alleine, da gehen sie in ihre Kirchenstunde und Peter hat schreckliche Angst. Der Tod holt Peter zu sich und der Arzt ist nicht gewillt, den Totenschein einfach so auszustellen. Der geschundene, unterernährte Körper des kleinen Jungen zerreisst ihm das Herz, er gibt Peters Körper weiter zur Obduktion. So wird Peters Fall zu einem Gerichtsfall, der die ganze Schweiz wach rüttelt und ein engagierter Richter kämpft beherzt und tief erschüttert für ein Urteil, welches nachhaltig das Pflegekinderwesen in der Schweiz verändern soll.

Verena Blum-Bruni / Das gestrandete Schiff

Fazit: Ein Verdingkind leidet und alle schauen weg.
Verdingkinder in der Schweiz, auch noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts, ein schlimmes Kapitel in der Schweizer Geschichte. Verena Blum-Bruni schreibt Peters Geschichte so einfühlsam aber auch in aller Härte der Realität und das ist gut so. Es sind Fehler passiert in den Gemeinden, Fehler, die unschuldige Kinder in Gefahr gebracht haben. Unermessliches Leid wurde erlitten, das Wissen darum verhindert vielleicht solche Fehler in der Zukunft. Das Beispiel von Peter jedenfalls erschüttert zutiefst und wenn immer ich jetzt die Blüemlisalp auf dem See sehe, denke auch ich an Peter und versuche achtsam zu sein in meinem Leben.

Meine Wertung: 8/10

Verena Blum-Bruni / Das gestrandete Schiff
Die Geschichte des fünfjährigen Verdingbuben Peter
Verlag: Schlaefli & Maurer AG, Seiten: 300

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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