Vincenzo Todisco / Das Eidechsenkind

by Manuela Hofstätter on 27. Oktober 2018

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Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2018

Büchertalk: Vincenzo Todisco / Das Eidechsenkind

1961, Alcindo, kurz Al, hat seine Heimat Ripa in Italien verlassen, um als Gastarbeiter in der Schweiz Geld zu verdienen. Frau und Kind musste er zurücklassen, doch nun hat er seine Baracke, welcher er mit vielen anderen geteilt hat, verlassen können und hat eine Wohnung im Haus des Padrone ergattern können. Der Padrone mag ihn, ist ihm im Grunde wohlgesonnen, er darf nun seine Frau aus Ripa zu sich holen, doch das gemeinsame Kind, das wird nicht erwähnt, dieses würde seine Arbeitsstelle gefährden, es reist versteckt in die Schweiz ein und lebt von da an im Verborgenen. Ob in der Kredenz oder im Kleiderschrank, später in Verstecken im Treppenhaus, auf dem Dach oder in anderen Wohnungen, das Eidechsenkind hat seine Angst und seine Albträume von den Wölfen im Griff und erweitert sein Gebiet. Das Eidechsenkind hat gelernt, mit den Ohren zu sehen, es geht durch manche Dunkelheit. Halt findet das Kind auch in den Erinnerungen an seine Nonna Assunta in Ripa mit ihrer Heiligenfigur Madonnina, welche Schutz bietet im Leben. Als die Eltern überstürzt nach Ripa fahren, weil Nonna Assunta stirbt, ist dies ein krasser Tiefpunkt im Dasein des Kindes, es ist tagelang alleine, darf kaum Geräusche machen und ist seiner Angst ausgeliefert, die Wölfe haben Macht. Doch das Eidechsenkind geht seinen Weg, zählt alle seine Schritte und nach und nach wissen andere Arbeiterfamilien von seiner Existenz, wenn es auch einmal in ein Holztischbein oder in eine Wade beisst, eine seltsame Bewegungsart aufzeigt und kaum spricht, es findet Wege, sein Leben zu meistern und es findet Wege zur Musik, Literatur und der Welt. Das Hauswartehepaar Beeri, Alfons und dessen Frau, genannt La Capitana, welche anfangs als gefährliche Personen angesehen werden müssen, verwandeln sich später in hilfsbedürftige Menschen. Die Kioskfrau bringt Comics und Sugus für die Kinder, auch abgelaufene Schokolade, das Eidechsenkind kann auch etwas davon erhaschen. Ein älterer Professor entlarvt das Kind als Bücherdieb und eröffnet ihm dann die Welt der Literatur, gemeinsam gehen sie auf Reisen zwischen den Buchdeckeln. Emmy tritt ins Leben des Eidechsenkindes und die Schwester des Padrone, die so gänzlich anders als ihr Bruder ist, sie eröffnet mit ihrer Geige dem Kind die Welt der Musik, Vater Al hatte diese ja am Rande schon aufgezeigt, wenn er wieder einmal eine Arie sang. Es ist ein Wunder, das Kind erobert sich seine Welt auf ureigene Art, verliert auch durch gröbste Not und eine schreckliche Kindheit seine Empathie nicht, muss einzig mit seiner eher rohen Art ringen, handelt aber, wenn ein Mensch in Not ist richtig. So gewinnt das inzwischen zum jungen Mann herangewachsene Kind einen neuen Freund, den Taxifahrer Tonino, welcher nun mit ihm durch die Nacht fährt. Viele, so viele Jahre sind vergangen, die Eltern wollten in fünf Jahren genug Geld haben und ein Haus in Ripa gebaut haben, zurückkehren in die Heimat wollten sie mit ihrem Kind, doch was ist nun aus ihren Träumen geworden? “Das Geld reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben”, doch ein TV-Gerät schmückt die Wohnung, und der Kampf von Ali gegen Foreman ist eine Gelegenheit für die ganze Familie, gemeinsam zu lachen.

Fazit: Die Lucertola ist ein schnelles Tier, es entwischt allen!
Der Autor Vincenzo Todisco weiss, wovon er in seinem ersten, deutschen Roman berichtet, übersetzt wurden schon mehrere Werke von ihm. Er ist in der Schweiz geboren, seine Eltern waren italienische Einwanderer, in seinem Roman “Das Eidechsenkind” berichtet er von einer Kindheit im Verborgenen, denn das Kind eines italienischen Gastarbeiterpaares soll nicht in der Schweiz sein, und wird daher versteckt gehalten. Das Heranwachsen zum jungen Erwachsenen des “Eidechsenkindes” steht beispielhaft für das Schicksal vieler Kinder im Verborgenen, damals wie heute. Die Sechzigerjahre leben auf und mit ihnen die Attribute wie Sugus, Marilyn Monroe, Édith Piaf, Charlie Chaplin, Laurel und Hardy, Muhammad Ali und vielen weiteren. Todisco kann schreiben, und wie! Seine Sprache ist präzise, geht unter die Haut, wir gehen voller Empathie mit. Ein eindrückliches, auch historisch anspruchsvolles Zeitdokument, trotz beklemmender Momente leicht zu lesen und auch von erhellend heiteren Momenten geprägt. Literatur, die so Vieles in uns anspricht, eine wohlverdiente Nomination für den Schweizer Buchpreis.

Meine Wertung: 8/10

Vincenzo Todisco / Das Eidechsenkind
Verlag: Edition Blau (Rotpunktverlag), Seiten: 216

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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