Vivek Shanbhag / Ghachar Ghochar

by Manuela Hofstätter on 20. Oktober 2018

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Er sitzt im Kaffeehaus, das ihm zur täglichen zweiten Heimat geworden ist, unser Erzähler, er bewundert den emphatischen Kellner und blickt zurück auf das Leben mit seiner Familie, welches sich so sehr verändert hat. Was sie waren und was sie geworden sind, ist verstörend, der Wohlstand hat sie verändert, und wie. Früher waren sie eine indische Familie, die unter schlichtestem Mittelstand lebten. Der Vater war das Oberhaupt, alle sorgten dafür, dass er wohlauf war und alle richteten ihr Leben nach ihm aus. Der Vater ist ein stiller, ehrlicher Mann, als Teeverkäufer arbeitet er hart und kann alle durchbringen, niemand kommt auf die Idee, etwas zu begehren, das Geld reicht einfach gerade mal so für das Nötigste. Investiert wird Vaters Geld in die Ausbildung seines jüngeren Bruders Venkatachala, alle nennen ihn Chikkappa, was Onkel heisst. Als der Vater ein paar Jahre vor seiner Pensionierung seine Stelle verliert, macht sich Angst breit in der Familie und der Onkel erzählt von seinen grossen Plänen, seinem Traum, in den Gewürzhandel einzusteigen. Der Vater gibt die Führung der Familie ab und sein ganzes Geld steckt er in die Firmengründung von Chikkappa. Das Geschäft floriert, doch Chikkappa ist ein gänzlich anderer Mensch als sein Bruder, und so verändert sich die ganze Moral der Familie. Der Wohlstand bricht aus, die kleine Wohnung ist vergessen, ein Haus und Prunk kehrt in den Alltag ein, Saris, Goldschmuck und eine Eheschliessung, die bald wieder aufgelöst wird unterhalten die Familie und der Vater versinkt in Melancholie, während er nicht weiss, dass Chikkappa sich mit Schutzgeldzahlungen sowie Schlägertruppen bestens auskennt. Was ist aus unserem Erzähler geworden, er geniesst das Nichtstun, das Kaffeehaus, das Nachdenken, er wurde als Direktor der Gewürzfirma eingesetzt doch er arbeitet nie, er hat eine Frau bekommen, welche er bewundert, doch Anita wird zum Problem in der Struktur der Wohlstandsfamilie. Anita wird stinksauer, als sie entdeckt, dass ihr Mann nicht sein eigenes Geld verdient und faulenzt, sie rebelliert in der Familie und zeigt forsch auf, wie überheblich und gar verachtenswert diese Familie doch geworden ist. Das kann nicht lange gut gehen. Doch Anita, sie ist eine starke Stimme, eine wichtige …

Fazit: Indien pur, oder von Demut zu Arroganz.
Dieser Roman ist ein Stück Indien, farbig und wahrhaftig, der Erzähler schenkt uns mit dieser Familiengeschichte einen Einblick, der von einem schlichten Familienleben des unteren Mittelstandes zur Wohlstandsarroganz abgleitet. Wenn die Moral langsam und schleichend dahingeht, ist es Zeit für eine rebellische Stimme einer neuen Frau in der Familienstruktur. Dieser Autor schreibt in einer wundervollen Sprachgewandtheit, zwei Sätze daraus: “An diesem Tag gelangte ich zur Überzeugung, dass es die Worte anderer Frauen sind, die Frauen am meisten verletzen”. “Ich zog sie noch näher an mich und entspannte mich, Ich hob ihr Gesicht zu mir und Ihre Lippen gaben mir eine erst Kostprobe des Geschmacks ihrer Welt”. Ein farbiger, sinnlicher Roman, ein Lesevergnügen, das uns Indien mit vielen Facetten näher bringt.

Meine Wertung: 8/10

Vivek Shanbhag / Ghachar Ghochar
Verlag: Aufbau, Seiten: 152

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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