Wolf Haas / Junger Mann

by Manuela Hofstätter on 15. April 2019

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Er ist dreizehn Jahre alt und der Sommerjob an der Tankstelle hat ihm mindestens zwei Dinge klar gemacht. Erstens, er ist zu dick und zweitens, er ist verliebt. Elsa, Elsa ist erwachsen, ganze zehn Jahre älter als er und wie er später feststellt, verheiratet mit Tscho, dem Fernfahrer, der mit seinem Scania oft weg ist. Auch wenn seine Mutter den Buben nähren will, er erklärt ihr, dass er nun eine strenge Diät einhalten wird, im ORF wurde diese vorgestellt und er wird sich nun daran halten. Die Mutter fügt sich, der Vater kann zur Zeit nicht viel zum Vorhaben des Sohnes sagen, denn er ist recht mit sich allein beschäftigt, im Irrenhaus, wie es sein Sohn nennt, versucht er, von seiner Alkoholsucht loszukommen. Elsa hat ihn sogar einmal begleitet und fuhr ihn über die Grenze zur Klinik hin, als er seinem Vater einen Besuch abstattete und Kuchen der Mutter überbrachte. Das war ein Ausflug! Er ist sich sicher, er muss nur abnehmen, dann wird Elsa sich in ihn verlieben und den lässigen Tscho verlassen. Nun kann er Elsa noch beeindrucken mit seinen Englisch-Kenntnissen, sie will bei ihm heimlich lernen, denn mit dem Erlernen dieser Sprache erhofft sie sich, auch die Welt erobern zu können. Doch dann erobert er die Welt, steigt in den Lastwagen von Tscho, um diesen nach Griechenland zu begleiten und ihm als Dolmetscher zur Hand zu gehen. Einem Tscho schlägt man nichts ab und es ist ja auch eine famose Gelegenheit, ein Abenteuer zu erleben. Tscho ist kein Mann der vielen Worte, manchmal sitzt der junge Mann einfach neben Tscho und macht sich seine Gedanken, traut sich, ihm ein paar Worte zu entlocken und als er mitbekommt, dass Tscho sich eine Waffe aneignet, da befürchtet er, dass dieser ihn bei Gelegenheit erschiessen und entsorgen wird. Doch als Tscho ihm das Meer zeigt, ist das ein unbeschreiblicher Moment und niemals hätte er gedacht, dass er dermassen Schwimmen gehen würde und dass er mit Tschos Waffe etwas unternähme. Doch er hat ja auch nie gedacht, dass er einen wie den Tscho mal wird weinen sehen. Thessaloniki wird für ihn wie auch für Tscho unvergesslich. Ja, und die Liebe? Wird er Elsa bekommen, will er sie überhaupt noch und sind seine Pfunde gepurzelt?

Fazit: Vom Abnehmen und vom Zunehmen an Lebenserfahrung.
Wolf Haas verrät, die Sache mit dem pummeligen Jungen ist exakt seiner Jugend entliehen, selbst die Diät hat so stattgefunden und dann folgt die dichterische Freiheit und Erzählkunst eines famos schrägen Autors. Ich habe mich in die Sprache, den Wortwitz, den Klang und die Stimmung in diesem Roman verliebt, eine Kindheit in den Siebzigern, das ist natürlich auch meine Zeit gewesen und diese orange Waage wie auch vieles andere vermochte mich köstlich an damals zu erinnern. Wie stolz wir waren, weil wir zu den ersten Jahrgängen gehörten, die Englischunterricht bekamen, was wir cool und lässig fanden und auch das Landleben und die Sehnsucht nach der ersten Liebe und dem Reisen, bei “Junger Mann” kommt es pointiert und einfach famos daher. Was faktisch im Leben des Icherzählers und eigentlich aller Protagonisten auch tragisch ist, wird in Roman zu einem witzigen Ganzen mit sogar sehr berührenden Punkten. Das Leben, das pure Erwachsenwerden hat dieser Autor ungemein gut eingefangen. Und das Erdbeben, das Thessaloniki später getroffen hat, steht für mich sinnbildlich für das Erdbeben im Herzen des Protagonisten und aller Leser. Und fürs Leben, es kommt erstens immer anders…

Meine Wertung: 9/10

Wolf Haas / Junger Mann
Verlag: Hoffmann und Campe, Seiten: 240

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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