Yosef Şimşek / Im falschen Paradies

by Manuela Hofstätter on 7. Juli 2016

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Er wird in Deutschland geboren, wächst auf mit Brüdern und Schwestern und spricht die deutsche und die arabische Sprache. Später erzählen die Eltern Yosef, wie sie während des Libanonkrieges ihre Heimat im Libanon verlassen mussten und als Flüchtlinge in Deutschland ein neues Leben anfingen. Der Vater arbeitet nicht, er züchtigt aber Yosef, fast täglich erleidet der Junge Schläge und verbale Attacken. Lange weiss er noch nicht, was das Wort Schwuchtel bedeutet, aber dass er als kleiner Junge seinen Plüschhasen so lieb hat, lässt seine Brüder wie auch seinen Vater brutal auf ihn einschlagen. Yosef nimmt Abschied von seinem Plüschhasen, es ist ein unglaublich trauriger Moment, als der Hase vergraben wird, ändern jedoch tut sich dadurch gar nichts. Die Schläge gehören zum Alltag, die Seele von Yosef leidet, in der Schule wird er aufmüpfig, frech und grob, verliert die Beherrschung und auch gute Freunde, die er hätte, immer wieder. Die Schulpsychologin kann nur über einen gewissen Zeitraum positiven Einfluss auf Yosef nehmen. Zu Hause geht etwas vor sich, das Yosef nicht versteht, die Eltern versenden ihre schönsten Sachen in die Türkei zur Grossmutter und Yosefs Vater wird immer unberechenbarer. Einmal wirft sich die Mutter auf Yosef, als der Vater dermassen blind vor Wut auf ihn eindrischt, dass man fürchten musst, er schlage seinen Sohn tot. Yosef bricht nach viel zu langem Leiden sein Schweigen und meldet seine Lage der Polizei, welche ihm nach einem Besuch bei den Eltern verspricht, diese werden ihn nicht mehr schlagen. Ja, auch die geliebte Mutter schlug ab und zu richtig zu, etwa als Yosef sitzen bleibt und eine Klasse wiederholen muss. Ganz kurz ist die Situation in Yosefs zu Hause etwas ruhiger. Doch dann passiert das Unfassbare. Nachts stehen Polizisten im Haus, Yosef bekommt die Anweisung, das Wichtigste einzupacken, er hat dafür eine halbe Stunde Zeit. Die Deutschen Behörden statuieren ein Exempel, Yosefs Vater hat gelogen, was die Herkunft der Familie Şimşek angeht, sie sind nämlich Türken, arabischstämmige Türken, und so werden sie in die Türkei ausgeschafft. Yosef muss die Lebenslüge verarbeiten, die ihm aufgetischt worden ist und in der Stadt Iskenderun weiterleben, er versteht kein Wort Türkisch. Yosefs Eltern sind Analphabeten, er erlernt mehr schlecht als recht Türkisch und ist so mager und in so schlechtem Allgemeinzustand, dass er gar sein Leben beenden will. Da handelt die Mutter, sie bringt Yosef zu einem Arzt, in den arabischen Kreisen will man keine Menschen mit seelischen Erkrankungen kennen, das sind Verrückte und die will man nicht in der Familie haben. Doch für Yosef beginnt jetzt ein neuer Abschnitt, dank einem guten Schulpsychologen fühlt er sich erneut gestärkt und findet Freude an seinem Talent für die englische Sprache. Er kann die höhere Schule besuchen und später findet er im Hotelgewerbe sofort einen Job. Seinen Traum, Modedesigner zu werden, diesen verfolgt er fortan mit Energie und Freude eines gestärkten und frohen Menschen.

Yosef Şimşek / Im falschen Paradies

Fazit: Gewalt in der Familie, Ausschaffung und Neuanfang!
Eine Familienlüge, eine Kindheit voller Gewalt und ein starker Junge, der zum Mann wird. Das Leben von Yosef Şimşek ist alles andere als leicht verlaufen, das zu lesen ist hart, aber es ist sehr bewegend, zu erfahren, welche Grösse im Herzen dieses Menschen ist. Er liebt seine Mutter, auch wenn diese nicht unfehlbar ist, doch die Mutter ist ohnehin etwas vom Höchsten im Leben gläubiger Muslime. Heute kann er auch seinen Brüdern und dem Vater ohne Groll gegenübertreten. Er kennt die arabische und die europäische Kultur, geht seinen Weg unbeirrt und immer voller Hoffnung auf das Gute. Heute lebt er von einigen Modeljobs und ich hoffe, sehr bald auch von seiner Arbeit als Autor und als Modedesigner. Ein starkes Buch, ein beeindruckender Mensch, der nicht zuletzt in unserer verrückten Zeit ein feiner Brückenschlager zwischen den Religionen und Kulturen sein kann.

Meine Wertung: 8/10

Yosef Şimşek / Im falschen Paradies
Wie mein Leben zwischen den Kulturen zum Albtraum wurde
Verlag: Riverfield, Seiten: 335

Einst kam ein Mann zum Propheten Muhammad und fragte:
»O Gesandter Gottes! Welche Person hat am meisten Anspruch, als dass ich sie ehren und immer gut behandeln möge?«
Der Prophet antwortete, ohne zu zögern: »Deine Mutter.«
Der Mann fragte weiter: »Wer dann?«
Und erneut antwortete der Gesandte Gottes: »Deine Mutter.«
Erneut fragte der Mann: »Und danach?«
Und erneut antwortete der Prophet: »Deine Mutter.«
Erst als der Mann ein viertes Mal den Propheten Muhammad fragte, wen er nach seiner Mutter zu ehren habe, antwortete dieser: »Deinen Vater.«

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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