Die Wahrheit oder ein ganz normaler Familieneinkauf am Samstag

by Manuela Hofstätter on 11. Dezember 2010

Schon beim Gedanken an einen ganz normaler Familieneinkauf kriegen mein Mann und ich Gänsehaut, denn normal einkaufen mit zwei so kleinen Kindern wie wir sie haben, das ist schlicht und einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Warum wir es trotzdem immer mal wieder versuchen? Eine gute Frage, auf welche es wie auf so viele Fragen im Familienalltag keine rationale Antwort gibt, ich würde sagen, wir tun es, weil wir eben ziemlich verrückt sind. Am grandiosesten ist dieses Einkaufserlebniss am Samstag, denn dieser Tag lockt ganz besonders viele Verrückte in die Läden, so etwas ist kaum zu überbieten. Also stehen auch wir da, inmitten all der Aktionen und Lebensmittel, inmitten all der Punktejäger dieses Samstages in unserer Lieblingsfiliale von Coop. Fünffache Superpunkte, wir sind zum Äussersten bereit, der Einkaufszettel liegt in den souveränen Händen des Familienvaters.

Geduldig schiebt mein Mann dann auch den Wagen mit unserem Sohn darin ruhig durch die Regale, während ich, unbeweglich wie am Ende einer Schwangerschaft, unsere gut sieben Monate alte und inzwischen doch recht schwere, munter zappelnde Tochter vorne an mir baumelnd mitschleppe und schon Rückenweh habe. Was solls, denke ich mir. Die Tatsache, dass Anna ausgerechnet letzte Nacht mal wieder um drei Uhr eine Party schmeissen wollte, sieht man meinem müden Gesicht sicher an, aber hey, seht her, ich hab süsse Kinder und zur Zeit sind sie sogar noch ruhig, also, es darf auch ein bisschen etwas mehr sein heute, die leckeren Gebäcke ziehen mich magisch an, auch ein Wein kommt in Frage, schliesslich ist ja Wochenende! Der Einkaufswagen ist bald randvoll, vielen Gelüsten, die auch gar nicht auf dem Einkaufszettel standen, wurde nachgegeben, bald werden wir uns in Richtung Kasse fortbewegen. Unser Sohn Timm kaut hingebungsvoll an seinem Weggli, die Welt ist in Ordnung, es geht schon langsam gegen den Mittag zu, ich habe Hunger und Durst, wen wunderts…

Anna wird auch unruhig und meine Riesentasche welche immer Ersatzwindeln mit Wickelutensilien, Trinkflaschen für die Kinder und noch so mach anderen Klimbim für uns tragen muss, rutscht mir ewig von der Schulter. Heute will ich bezahlen, so rein symbolisch und aus Stolz, dass ich ja wieder arbeiten gehe und mithelfe unsere kleine Familie zu ernähren. An der Kasse schnellt der Betrag in astronomische Höhe, gut 200 Franken für vier läppische Taschen Lebensmittel, ich rudere ungelenk mit meinen Armen und fische im Wirrwarr meiner Tasche nach meiner Geldbörse. Dass sich diese nicht sogleich finden lässt, erschreckt mich dann gar nicht, ich werde sie wohl doch im Auto gelassen haben, genau, ich bin mir ganz sicher, sie liegt in der Mittelkonsole. Beim Auto dann der Schock und die Gewissheit, meine Geldbörse liegt nicht im Auto, auch erneutes, diesmal sehr hektisches Wühlen in der Riesentasche führt nicht zur Erlösung. Mir wird unendlich flau in der Magengrube, ich weiss, jetzt ist es doch einmal mir passiert, ich wurde beklaut.

Ich informiere meinen Mann, das Chaos bricht aus, beide Kinder beginnen zu weinen, sie sind müde und hungrig und merken genau, etwas ist nicht in Ordnung. Ich weiss auch sofort, wer mich bestohlen hat, sogleich erzähle ich von der Frau mittleren Alters, welche mich unsanft anrempelte und gegen unsere Anna stiess, so dass ich diese sogleich schützte. Meiner Tasche war ich mir in dem Moment nicht so bewusst und die Dame lächelte endschuldigend und meinte es tue ihr leid. Süss dachte ich, gewiss hat sie auch Enkelkinder und vielleicht war ich auch etwas unvorsichtig unterwegs, nichts weiter passiert, beruhigendes Zurücklächeln meinerseits, Anna ihrerseits muss nicht einmal weinen, alles in Ordnung. Nein, schiesst es mir in Sekundenbruchteilen durch den Kopf, diese falsche Person, sie soll vom Pech verfolgt sein, diese gemeine Diebin die, bestiehlt eine müde wehrlose Mutter, eine Familie! Während mein Mann an die Information eilt, vielleicht hat die gemeine Diebin ja wenigstens nur das Geld entwendet und alles andere zurückgelassen, suche ich erneut hektisch alles ab. Tasche, Jacke, das Wageninnere, nichts, nichts zu ändern an der traurigen Tatsache, ich wurde zum ersten mal in meinem Leben beklaut.

Wie in Trance fahren wir heim, versuchen die Ruhe zu bewahren, die Geldbörse bleibt verschwunden. Uns wurde zur Anzeige gegen Unbekannt geraten, aber unser Samstag dürfte wohl im Eimer sein. Nicht die Tatsache, dass ich viel Bargeld in meiner Geldbörse hatte erschüttert mich, nein, die Menschliche Enttäuschung, die nagt an mir, ganz ungemein. Besonders traurig bin ich auch, weil ich diese Geldbörse ganz lieb hatte, sie ist neu und ich hab sie mir gegönnt nach der Geburt unseres zweiten Kindes, ein Bild von uns allen mit der ganz neugeborenen Anna befindet sich darin und mein Lieblingsmeditationskärtchen mit dem Titel “Verantwortung”. All dies und vieles mehr sieht nun diese fiese Diebin und es wird sie wohl nicht berühren, sie hat ja keine Ahnung was es mir bedeutet, ich fühle mich persönlich angegriffen. Mein Mann ist bemüht ruhig, ich darf gar nicht daran denken, was wir nun mit dem Rest dieses Samstages alles tun müssen. Konten sperren lassen wäre wohl das Erste. Dieser Diebstahl wird uns noch viel mühsame Arbeit kosten, meine Identitätskarte, mein Halbtaxabonnement, alles weg. Wir könnten wohl beide heulen, unsere Kleinen tun dies inzwischen lauthals, immerhin ist uns nichts passiert versuche ich mich innerlich zu trösten als wir vor unsere Haustüre fahren. Lahm und unendlich müde hebe ich meine Beine aus dem Wagen und mein Blick fällt seitlich beim Autositz auf etwas grünes, mir wohlbekanntes…

Ein Aufschrei, ein, zwei nun sehr muntere Schritte, die grüne Geldbörse in der Hand schwenkend, falle ich meinem Schatz um den Hals. Was für ein Glück, wir können es kaum fassen und als dann alle zu Mittag essen ist unsere Welt völlig in Ordnung. Einzig ein komisches Gefühl dieser Dame gegenüber, welche ich so schnell zur Diebin ernannt habe, bleibt zurück und auch die Gewissheit, dass ich nicht mehr viel Bargeld auf mir tragen will und überhaupt viel mehr Acht geben will auf meine Sachen. Ja, das war er wieder einmal, der ganz gewöhnliche Familieneinkauf an einem Samstag!

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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