Eine Freundschaftsgeschichte

by Manuela Hofstätter on 14. November 2006

Eine Freundschaftsgeschichte

Sabine hat so viele Freundschaften, sie ist eben völlig cool, trendy und kommt einfach mit allen aus. Heute morgen ist Sabine total in eile, der Ausgang mit den Freundinnen war feuchtfröhlich, das aufstehen dann eher nicht so. Promt rennt sie fast die Nachbarin, Frau Glarner um, diese erschrickt sich fast zu Tode, doch Sabine hat keine Endschuldigung auf den Lippen, auch kein lässiges Sorry. Sabine denkt bloss: “Ach diese Glarner, was hat die auch so einen unscheinbaren Kriechgang, so alt ist die doch noch gar nicht, aber immer guckt die so betreten und übellaunig”. Die Frau Glarner hingegen, erholt sich vom Schrecken rasch, ist der jungen Frau die da so ungestüm in sie hinein gerannt ist auch gar nicht böse, der Zeh, aufweichen grob gestanden wurde, der wird sich gewiss bald erholen und nicht mehr derart brennen. Frau Glarner tadelt sich gar selbst ein bisschen, sie ist eben immer in Gedanken, die kranke Mutter und so manche andere last machen ihr das Leben in letzter Zeit schwer. Das Schlimmste ist dabei aber, dass sie fast alle Kontakte zur Aussenwelt verloren hat, dabei möchte sie gerne wieder Lachen und am Leben teilhaben. Es ist Abend, Sabines Schuhe klackern nicht mehr ganz so energisch über den Asphalt wie am Morgen, sie musste noch eine Schicht der Arbeitskollegin übernehmen, nun ist sie ganz schön müde und auch sauer. Besagte Kollegin brüstete sich nämlich noch lauthals vor Sabine, frischverliebt zu sein und demnächst einen Tag blau zu machen mit ihrem Lover. Der Lover ist kein anderer als Ben, Ben in welchen Sabine schon so lange verliebt ist. Ben liess Sabine aber abblitzen, sie sei ihm zu kalt und wirke nicht so, als ob sie Zeit in eine ernsthafte Beziehung stecken wolle. Dass tat weh, Sabine wird beim Gedanken daran immer noch ganz mulmig. Vorwürfe in denen ein Körnchen Wahrheit steckt, die tun am meisten weh… Wenn Sabine ehrlich zu sich ist, dann findet sie ihre Freundschaften oberflächlich, dann fühlt sie sich einsam und muss Ben fast recht geben, ist sie etwa eine Zicke? Komisch, plötzlich denkt sie an die Glarner, die ist doch am Morgen nicht etwa hingefallen oder etwa doch? Eigentlich ist Sabine müde, und eigentlich hat sie ungeheuren Hunger und möchte etwas Warmes essen, das heisst also auch noch Kochen zu müssen. Doch Sabine kriegt das Bild der Frau Glarner nicht aus ihrem Kopf, wie ferngesteuert marschiert sie nun wieder energischer ins Geschäftshaus in ihrer Strasse. Welch glück, der Blumenladen ist noch offen. Sabine lässt einen kunterbunten grossen Strauss binden, dazu kauft sie ein Kärtchen, auf welches sie schreibt: “Ein liebes Sorry, die Zicke von heute morgen”. Sabine bezahlt, und schon wieder kommt ein Sorry über ihre Lippen, denn nun wäre der Blumenladen schon seit 10 Minuten geschlossen, die junge Frau hinter der Kasse lächelt und strahlt. Und meint, bei so netter Kundschaft überziehe man gerne die Öffnungszeiten. Sabine ist gar nicht mehr müde, irgendwie fühlt sie sich so gut wie schon lange nicht mehr. Jetzt aber auf zu Frau Glarner, angekommen vor deren Türe weiss Sabine nun auch, dass sie eine Gemeinsamkeit mit dieser Frau, welche sie ja gar nicht kennt gefunden hat. Es scheint so, dass sie beide keine richtigen Freunde im Leben haben.Unmittelbar nach dem ersten Klingeln, öffnet die Frau Glarner, ein herrlicher duft strömt aus der Wohnung, und lässt Sabines Magen laut knurren. Frau Glarner staunt ein bisschen über den abendlichen Besuch, hat ganz gesunde rote Backen und einen Ofenhandschuh an. Sogleich bittet sie Sabine in die Stube und heisst sie willkommen. An diesem Abend essen zwei Frauen nun gemeinsam ein herrliches Menu, trinken ein gutes Glas Wein, lachen und gesprächeln über Gott und die Welt. Aus der Frau Glarner wird die Marianne und aus Sabine alles andere als eine Zicke. Eine Freundschaft beginnt zu wachsen an diesem Abend.Einige Zeit ist vergangen, wiedereinmal ist Ben alleine unterwegs, seine letzte Beziehung war leider ein Irrtum, es ist ein lauer Abend und er vernimmt das ihm inzwischen schon vertraute Lachen von drei Frauen die auf der Terrasse des Dorfcafés sitzen. Dort treffen die sich nämlich immer einmal die Woche, die Blumenverkäuferin, diese aufgeblühte Frau Glarner und eben Sabine. Ach ja, Sabine, in der hat sich Ben gründlich getäuscht, dieses Lachen, diese Ausstrahlung, Ben muss immer durch die Strasse gehen wenn die Freundinnen dort sitzen, bestimmt ist dass den Frauen schon lange aufgefallen, aber dass ist Ben egal, irgendwann wird er Sabines Herz erobern, das fühlt er irgendwie und inzwischen geniesst er es einfach dieses lustige Frauengespann dort sitzen zu sehen.

Manuela Hofstätter

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