Erich

by Manuela Hofstätter on 29. November 2012

Malaktivierung

Oft bin ich unterwegs in Altersheimen, oft mit meinen Kindern. Die älteren Menschen haben eigentlich fast immer Freude an den Kleinen. Heute ist unser Ausflug eine grössere Fahrt für uns und ich bin innerlich etwas aufgewühlt. Den Urgrossätti haben die Kinder erst in Münsingen besucht jetzt ist er im schönen Sigriswil untergebracht und kann den Niesen und den See bewundern. Ich habe ihn schon besucht, aber wie geht es ihm wohl heute und wie gehen meine Wilden mit der Situation wohl um? Ich weiss so vieles über diesen Mann, vieles ist alles andere als positiv, trotzdem habe ich gekämpft wie ein Löwe, als man ihn plötzlich einfach in eine Klinik eingewiesen hat. Gewiss habe ich Gründe, diesen Menschen nicht einfach in mein Herz schliessen zu können, er hat mir viel genommen, er war kein einfacher Zeitgenosse, kein friedfertiger Mensch. Aber eben, das war einmal, jetzt ist er alt und dement geworden und er kann sich nicht wehren. Er, der in seinem ganzen Leben nie einen Meister gefunden hatte. Dieser Mensch liess sich von keinem Banker, Polizisten noch Politiker oder Anwalt etwas sagen, immer regierte er und oft mit Schrecken für sein Umfeld. Aber für mich ist die Menschenwürde und das Recht ein Leben anständig zu Ende leben zu können, das einzige was zählt. Es hat mir viel Sorgen und Böses eingehandelt zu kämpfen und nun kämpfe ich mit meinen Gefühlen, bange, dass er nicht losschreien wird, nicht aggressiv wird, sich vielleicht gar an den Kindern erfreuen kann.

Endlich kommen wir im Heim an, aber der Urgrossätti ist zurzeit in der Aktivierung, das teilt man uns freundlich mit und wird dürfen dort sogar einfach reinschauen. Ich fasse mir ein Herz und meine Kinder und los geht’s zur Malaktivierung. An einem Tisch sitzen einige ältere Frauen und der Urgrossätti, sie malen mit Pinseln kunterbunte Bilder auf Papier. Meine Kinder fühlen sich gleich wohl, das kennen sie, schliesslich malen wir unser Heim ja auch regelmässig fast von oben bis unten an. Ich kann nicht in Worte fassen, was dieses Bild in mir auslöst. Mein Grossvater sitzt da und tupft Punkte auf das Blatt, ich frage mich ob er überhaupt jemals in seinem Leben mit Farbe und Pinsel in Kontakt gekommen ist, seine Kindheit war so weit ich weiss von Armut und Arbeit geprägt. Ich war ein Kind, welches immer lesend anzutreffen war oder immer gesungen hat, das machte ihn rasend, unnützes Zeugs nannte er das. Bloss eine kurze Zeit lang, da war er für mich fast ein wirklicher Vaterersatz, da wollte er mit das Schweizerörgeli spielen beibringen und hat mir mit Bleistift jedes Tier auf Papier zeichnen können und dies richtig gut. Aber Geduld hatte er nicht und so war alles bald vorbei und ich erhielt Geschrei, eine Kopfnuss und den altbekannten Satz, dass ich zu nichts nutze sei.

Dieser Mensch sitzt nun vor mir, erkennt uns, aber ich bin mir nicht mal ganz sicher diesbezüglich, und der ruhige Maltherapeut fragt ihn, ob er nicht noch ein Bisschen gelb in sein Bild bringen möchte, Sonne so zu sagen. Eigentlich finde ich die Situation zum Schreien komisch, ich unterdrücke das Schreien, Heulen könnte ich auch, aber der Therapeut, der strahlt eine solche Ruhe und Liebenswertigkeit aus, dass ich mich wohlfühle. Ich freue mich für meinen Grossvater, er scheint wohl zu sein in seiner Haut und mit den inzwischen gelben Tupfern. Unter Frauen war er ja auch immer gerne, dies denke ich schon wieder etwas sarkastischer und staune aber wie schön diese Leute hier malen. Ich mag diese kleine Gruppe, die da beisammensitzt und meinen Kindern geht es genauso. Als das Team des Heims für die eine alte Dame singen kommt, weil diese heute Geburtstag hat, da stimme ich mit meinen Kindern fröhlich mit ein. Mein grosser will der Frau dann ein Päckli geben, schliesslich ist das wichtig am Geburtstag, und da beide Kinder eine Seife eingepackt haben, dürfen sie gerne eine der Geburtstagsfrau schenken. Welche Freude Kinder und Beschenkte ausstrahlen, das wärmt mich auf bis ins Innerste. Aber die Kinder wollen jetzt weiter singen, da gibt es nichts, das sie daran hindern könnte: “Dört änä am Bärgli dört schteiht ä wissi Geiss…” Ich singe mit und fast alle Anderen auch, es ist irgendwie ein ganz besonderer Moment. Doch als dann eine Dame alleine noch weitere Strophen dieses Lumpenliedleins singt und dabei über ihre runzligen Backen strahlt, da ist mir klar, dass ich diesen Tag garantiert nicht so schnell vergessen werde!

Ich habe dann mit Urgrossätti noch ein wenig gesprochen und auch mit Erich. Erich ist der Maltherapeut, und als ich ihm erkläre, dass ich aus triftigen Gründen zuerst ein wenig überfordert war mit der Situation hier, da erzählt er mir von seiner Arbeit. Erich weiss um die Wirkung der Farben auf die Menschen, gerade auch bei Demenzkranken wirken diese nach wie vor, und dass man noch Beschäftigung hat, dies ist ein grosses Geschenk. Erich sieht den Augenblick jetzt, die Menschen dort, ihre Vergangenheit kennt er oft nicht und ich weiss, selbst wenn er sie kennen würde und sie teilweise recht unschön wäre, er übt seine Arbeit mit Achtung vor jedem Menschen aus, mit viel Herz und das finde ich einfach grandios. So hat Erich auch mich und die Kinder an einem ganz besonderen Vormittag teilhaben lassen, ich mag Erich und ich gehe beseelt auf den Heimweg. Meine Kinder sind mittlerweile müde und hungrig und ich habe völlig vergessen zu fragen, ob wir vielleicht gleich dort hätten mitessen dürfen. Es gibt ein Weggli und ein Schöggeli für alle, in der Stadt dann dürfen beide Kinder einmal Rennauto fahren, was mir eigentlich immer zu teuer ist, aber heute ist ein besonderer Tag! Begegnungen solcher Art geben mir Kraft und ich hoffe, sollte ich denn alt werden und auf Hilfe angewiesen sein, dass ich dann in ein so schön geleitetes Heim kommen werde und an Menschen gelange, die Achtung vor dem Leben und dem Alter haben. Dankeschön an Erich und an alle “Erichs”, welche in Pflegeberufen so mit Herz arbeiten.

Urgröseli ist ja auch im Altersheim. Ohne Malaktivierung und ohne ein Erich. Und als unser Sohn mich neulich sagen hörte, also nur noch dasitzen wie Urgröseli und warten und sich langweilen, das möchte ich nie erleben müssen, da verkündete er mit der Weisheit eines Vierjährigen: Mammiii, Paapiii, ig gibe euch niiie u niiiemals i es Heim, mir blibe für immer zäme!

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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{ 2 comments… read them below or add one }

1 Marco November 29, 2012 um 23:31

Was für eine schöne Geschichte. Bis auf den Satz, dass Du zu nichts nutze seist. Aber das stimmt ja auch nicht.

2 Seraina November 30, 2012 um 16:48

Oh. Da ist mir doch grad das Wasser am unteren Augenrand gestanden. *schluck*
Ein berührender Text! Schön, dass du – trotz allem Vergangenen – so mit der Situation, resp. mit diesem Menschen – umgehen kannst.

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