Fieber

by Manuela Hofstätter on 2. Februar 2012

Guten Tag Frau Hofstätter

Letzthin habe ich mal Ihr Lesefieber nachgemessen und gefunden, es sei über normal hoch. Muss es wohl sein, damit jemand nicht nur 511 Bücher lesen, sondern auch noch darüber schreibend berichten kann. Der Herd ist auch schon ausgemacht. Irgendwo in Ihrer Homepage steht nämlich, dass sie daran seien, selbst eines zu schreiben. Wie es aussehen wird, kann man vielleicht aus Ihren 28 eigenen Texten herausahnen, die ich mir auch einmal anschauen werde. Im Moment habe ich allerdings wenig Musse – und lese seit vielen Jahren keine Romane mehr, nicht, weil sie schlecht wären, sondern weil mich die „Wirklichkeit“, was immer das auch ist, viel mehr interessiert.

Es sei denn, dass ein paar alte Schulkollegen auftauchten und zeigten, was sie sich im stillen Kämmerlein ausgedacht hatten. Ich konnte dann nicht anders als mir die Sache anschauen – und wunderte mich, dass sie gar nicht übel war. Vielleicht käme sie gar in den Genuss Ihrer Aufmerksamkeit, sodass ich Ihnen ein bisschen darüber berichten will.

Beginnen wir mit jenem Robert Stalder, der mir, während die andern und Braven die Schul-Aufgaben machten, den ganzen „Zauberberg“ vorlas. Später wurde er ein Werber, besass in Basel eine entsprechende Agentur und schrieb Kolumnen in der Basler Zeitung – und auch zwei Bücher. Das erste, „Ein Schatten zuviel“, kenne ich nicht. Das zweite mit dem scheusslichen Titel „Der Sauhund“ hat eines Tages als Manuskript in meinem Postfach gelegen und der Autor sich beklagt, es wolle es niemand verlegen, sodass er es mir schicke, damit es doch noch jemand läse, obwohl er wisse, dass ich für das bloss Erfundene kein offenes Ohr habe. Das Manuskript wurde durchgegangen. Die Geschichte ist, wie der Titel (übrigens von Markus Raetz erfunden), scheusslich, eine Art Krimi – aber hervorragend formuliert. Der Sauhund, ein sechsfacher Mörder, der meiner Meinung nach zu ungeschoren davonkommt, landet zuletzt in einem Sanatorium oder Spital – zwar nicht in Davos-Platz, sondern irgendwo in Süddeutschland, anscheinend unheilbar krank – item. Eine, wie gesagt, grässliche Sache – aber eben sehr gekonnt geschrieben. Inzwischen ist sie verlegt worden.

Im gleichen Kreise von etwa drei Metern Radius sass damals ein Theophil Spoerri. Der Vorname passte ausgezeichnet, und er ist dann auch Pfarrer geworden, wobei er sich aber für einen Seelsorger hält. Das trifft auch viel besser auf ihn zu, der er ein Vierteljahrhundert lang am Basler Universitätsspital (glaube ich wenigstens; es spielt keine grosse Rolle) die Kranken getröstet und die Sterbenden auf ihrem Wege begleitet und schliesslich darüber ein hübsches Büchlein mit dem Titel „Geschichten vom Übergang“ schrieb. Auch es hat, als fertiges Buch, seinen Weg zu mir gefunden – und mir in seiner Schlichtheit und Unaufdringlichkeit gefallen. Neulich ist sein neustes Werk erschienen. Der Huber-Verlag, den es anscheinend nicht mehr gibt oder der nun von einem andern geschluckt worden ist, kündigte es mit „breitangelegte Familiengeschichte“ oder ähnlich an. Trotz dieser pompösen Vorstellung hat es mir zugesagt, auch wenn nicht alles restlos „wirklich“ ist, was er darin, übrigens hübsch, schildert. Es ist eine Art Geschichte seiner jüdischen Vorfahren, die in Rumänien lebten, und endet mit der Rückkunft seiner Mutter mit ihren Kindern in die Schweiz, nachdem man ihren – zum Christentum übergetretenen – Ehemann erschossen hatte. „Perlen für Messias“, heisst das Buch.

Der Dritte in diesem Nicht-Bunde, der damals weit weg von uns dreien gesessen hat, was sich mit einem Blicke auf das Alphabet leicht erklärt, überliess das Schreiben seiner Frau und malt. „Einfach nur leben“ nennt sich das Büchlein der Frau Pfäffli, die allerdings mit Muriel Patry signiert. Es ist ein sehr schlichtes Werklein, möchte ich einmal formulieren. Ein Mann, ein grosses Kind verliert seine Stelle. Seine Frau verlässt ihn. Er kommt mit dem Leben nicht mehr zurecht und stirbt dann. Ganz unspektakulär. Einfach erzählt. Manchmal mit einem (leichten) Stich ins Esoterische, aber nicht aufdringlich.

Ich finde, dass diese Bücher lesenswert sind, und zwar nicht deshalb, weil ich die Autoren seit langem kenne. Eigentlich könnte ich darüber rezensierend berichten, habe aber keine rechte Lust, oder dann doch keine Zeit und schon gar keine Verbindung zu einer Zeitung. Womöglich habe ich aber Ihre Neugier geweckt.

Freundlicher Gruss
Hansruedi Tscheulin

Herr Hansruedi Tscheulin, welcher mich erst kürzlich in der Buchhandlung besucht hat, hat mir neulich ein Mail mit Buchempfehlungen geschrieben. Diesen wunderbaren Text darf ich nun hier der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Und ja, Herr Tscheulin ist der Vierte im Bunde, denn er hat auch ein Buch geschrieben: Firma Kirche

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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