Jetzt spricht der Pessimist !

by Manuela Hofstätter on 9. Juni 2010

So, nun ist es an der Zeit, einmal Klartext zu sprechen: Verfluchte Optimisten, hört hin! Es gibt Situationen im Leben, da kann ein Mensch einfach nicht mehr, da ist alles zu viel und man ist am Boden, völlig am Ende, am Tiefpunkt angelangt, nichts geht mehr. Ja, und nun bist du in einer solchen Situation und das sieht man dir auch an, oder du sagst es sogar noch mit letzter Kraft. Oha, jetzt schlagen sie voll zu die Optimisten. «Ach hör mal. Es könnte schlimmer sein… denk doch mal positiv… eigentlich geht es dir doch gut…. du schaffst das schon!» etc. etc. Mein absoluter Lieblingsspruch in solchen Momenten ist: «Du musst eben das Glas halbvoll sehen!» Wenn ich das höre, diesen doofen Spruch, diese Binsenpseudopositivelaunemachenpsychologie, dann krieg ich so eine Wut im Bauch.

Ganz ehrlich, wenn ein Mensch ständig leere Gläser serviert bekommt, kann er sie unmöglich halbvoll sehen. In unserer Wir-haben-keine-Probleme-und-sind-super-gut-drauf-Gesellschaft ist es so ungefähr das Dümmste für Menschen, sich in einer Notlage zu befinden. Denn die Gute-Laune-Optimisten sind bloss für hohle Sprüche gut, Hilfe konkret kann man von ihnen meist nicht erwarten. Ratschläge, oh ja, Ratschläge liefern sie gerne ab, die Optimisten.

Ich, der angeblich ewige Pessimist, ich helfe, wenn ich spüre, dass ein Mensch ein leeres Glas hat, ich versuche zu ihm hinzugehen, ihn zu umarmen, zu fragen, was kann ich für dich tun? Manchmal kann ich nicht hingehen, dann höre ich richtig zu und ich gebe dem anderen recht, ich bestätige sein Leid. «Ja, dir geht es wirklich beschissen, das ist echt schlimm!» Komischerweise, liebe Optimisten, geht es dann dem leidtragenden Menschen meist besser, auch wenn ich ihm gar keine Lösung habe, für seine Nöte. Umarmt werden, inniglich, das ist zum Beispiel eine der grössten und stärksten Trostgesten überhaupt. Wer kann Heute noch jemanden richtig und herzlich umarmen? Ha, ich der Pessimist, ich kann das richtig gut und erreiche damit das Unglaublichste. Leere Gläser kann man so oft auf wundersame Weise füllen. Manchmal fülle ich leere Gläser auch mit Tränen, randvoll. Weinen ist etwas Starkes, Reinigendes und Gutes.

Im Grunde genommen sind die Wörter Optimist und Pessimist wohl falsch herum vergeben, denn im Grunde genommen ist der Pessimist der positivere Mensch, und der ehrlichere. Der Pessimist steht zu seinen Ängsten, tut sie gar kund, er ist unverfälscht, echt, er muss nicht ständig gute Laune haben und diese verbreiten.

Also, wenn Pessimisten lachen… Oh Mann, dann stossen sie die halbvollen Gläser der Optimisten um und füllen Badewannen, ja Meere mit leckerstem Wein und stossen auf das Leben an. Eigentlich finden Pessimisten die Optimisten ganz lustig, denn es ist doch herrlich sind wir Menschen nicht alle gleich. Gäbe es kein Schatten, gäbe es kein Licht!

Diesen Text widme ich der Hebamme, welche uns bei unserem zweiten Baby begleitete, sie hat mir echt geholfen und ist eine starke Persönlichkeit. Nebenbei, hat sie mich in hormonell bedingt übleren Stunden zu diesem Text inspiriert.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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{ 5 comments… read them below or add one }

1 Petra Juli 15, 2010 um 08:01 Uhr

Dieser Text spricht mir wirklich aus der Seele. Sehr treffend formuliert und genau auf den Punkt. Es ist schön zu wissen, daß es Leute gibt, die einen verstehen und nicht nur Menschen, die sagen “sieh es positiv”. Manchmal geht das halt nicht und wäre auch nicht gesund.

Gruß aus Dortmund.

2 Grete_o_Grete Juli 26, 2010 um 23:42 Uhr

Da habe ich auch grade mehrfach “Ja!” gesagt. Toller Text, gefällt mir sehr gut und man merkt, wie er von Herzen kommt.

3 Erwin August 13, 2010 um 11:53 Uhr

Habe zufällig diese Seite entdeckt, die mir gut gefällt.
Dieser Text ist für mich der Höhepunkt, er spricht mir so aus dem Herzen. Vielen Dank.

Grüsse aus der Ostschweiz

4 Namesi August 16, 2010 um 22:39 Uhr

Ich bin ein vorsichtiger “Lober”. Aber deinen Text finde ich ausnehmend gut und einfühlsam, sowohl die Aussage als auch das “Wie”. Und glaub’ mir, ich kann das beurteilen. Ich weiß, dass ein Ratschlag eben auch nur ein Schlag ist. Und besonders der Denkdochmalpositivratschlag. Uff … jetzt hab’ ich mich aber weit aus dem Fenster gelehnt.

5 Moni August 31, 2010 um 00:46 Uhr

Ich kann es für mich nicht an der Frage Optimist oder Pessimist festmachen. Würde ich beispielsweise meiner Schwiegermutter erzählen, dass mein Zug stehen geblieben ist und ich deswegen einen für mich wichtigen Termin verpasst habe, dann würde sie mich überzeugt und überzeugend davor warnen, dass es nächstens ein Eisenbahnunglück mit vielen Toten geben wird. Sie kann nicht anders. Auch im Hochsommer verlässt sie im Griechenlandurlaub das Hotel nur mit Regenschirm.
Klar würde mich die Antwort einer guten Bekannten nicht glücklicher machen. Diese würde mir sicher im Brustton der Überzeugung verkünden, dass alles seinen Sinn hat und ich beim Warten im Zug doch sicher interessante Leute kennen gelernt habe?
Ernst genommen fühle ich mich von beiden nicht.

Mir ist echtes Interesse, echtes Nachfragen, echtes Zuhören wichtig. Und dazu die Gefühle des Gegenübers auch einfach mal als solche auszuhalten und ernst zu nehmen.

Und wenn das jemand kann, dann spielt es für mich keine Rolle, ob da nun ein Optimist oder ein Pessimist dahinter steckt. Dann ist es einfach ein Mensch, der zur Begegnung bereit ist.

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