Mutterschaft und Sexualität im Kinderbuch

by Manuela Hofstätter on 12. Februar 2010

Unsere Familie wächst!
Artikel für Hebammenzeitschrift 12/2009

Die Oma zur sechsjährigen Enkelin: „Wir haben deine Mami zum Onkel Doktor gebracht, weil der Storch sie ins Bein gebissen hat.
Antwortet die Kleine: „O je, so ein Pech, und das so kurz vor der Entbindung!“

Es gibt keine offeneren und ehrlicheren Menschen als die Kinder. Als Mutter, Mensch und Berufsfrau ist es mir stets sehr wichtig, dieser Tatsache Sorge zu tragen, denn in der Verantwortung von uns Erwachsenen liegt es, den Kinderfragen möglichst gut zu begegnen, und dies ist wirklich eine nicht immer einfache Aufgabe. Oft ist diese Herausforderung besonders gross, wenn es darum geht, Fragen zum Körper des Kindes und dessen Entwicklung zu beantworten, oder wenn das Kind wissen möchte, woher es kommt und wie es entstanden ist.

Neulich rannte der dreijährige Sohn einer Bekannten mit heruntergelassenen Hosen und erigiertem Glied zu seiner Mutter. Erschrocken fragte er sie, ob er nun etwas an sich kaputt gemacht habe. Seine Mutter musste das Lachen bekämpfen und sagte zu ihrem Sohn, es sei alles gut, er solle dies rasch Papa zeigen, der kenne diesen Zustand auch genau, es sei gar nichts kaputt an ihm, im Gegenteil. Später sass die Familie dann beisammen und der Sohn verkündete voller Stolz, dass er einmal ein Mann und auch Papi werde und zusammen mit einer Frau ein Baby machen könne. Die Erklärungen seiner Eltern reichten dem Kleinen fürs Erste völlig.

Unser Sohn hat eben erst seinen ersten Geburtstag gefeiert, er ist ein äusserst neugieriges Kerlchen, alles wird erkundet. Kürzlich fingerte er beim Windelwechseln in seinen Exkrementen herum. Sofort wurde das klebrige Zeugs verkostet und verschmiert. Ich bin wieder ganz frisch schwanger und dementsprechend ekelten mich diese Aktionen meines Kindes an. „Wäääähh“, rutschte es mir auch sogleich heraus, doch dann sagte ich unserem Kleinen, dass ich ihn nun sauber wasche und dass der Inhalt der Windel nicht lecker sei und auch nicht gut rieche. Aber die Stuhlprobe war für den kleinen Gourmet ohnehin schon negativ ausgefallen, und für einmal freute er sich sogar über die Waschaktion.

Kinder sind vom ersten Tag an neugierige Wesen, und im Idealfall bleiben sie es ein Leben lang. Neugierde verlangt Antworten und Erkenntnisse, aber manchmal auch klare Schranken. Wenn etwa mein Sohn allzu grob meine Nasenlöcher untersuchen will, sage ich nein, weil mir das weh tut und weil er ein Nein auch akzeptieren lernen soll.

Womit wir bei der Erziehung unserer Kinder angelangt sind. Es gibt so viele Arten, ein Kind zu erziehen. Es liegt mir gänzlich fern, diesbezüglich eine Meinung oder einen Vorschlag abzugeben. Als Mutter und als Eltern stellen wir lediglich fest, dass man sich immer neu absprechen muss, immer wieder seinen ureigenen Weg finden muss und oft doch froh ist, noch andere und neue Anhaltspunkte zu finden. Diese Anhaltspunkte finden wir oft im Gespräch mit anderen Eltern, Fachleuten wie etwa am Anfang mit der Hebamme, später dann der Mütterberaterin oder dem Kinderarzt. Doch das individuellste und beste Hilfsmittel für uns ist immer wieder das Buch, welches bei Bedarf jeweils schnell zur Hand ist.

Darum habe ich mich für diesen Artikel intensiv mit Kinderbüchern zum Thema Mutterschaft und Sexualität auseinandergesetzt. Gelesen und geprüft habe ich Bücher für Kinder bis zum Alter von etwa acht Jahren. Natürlich ist es ein ganz besonderer Moment im Familienleben, wenn sich ein Geschwisterchen auf den Weg ins Leben macht. Mamas grosser, anwachsender Bauch gibt garantiert für Kinder in jedem Alter Anlass zu einer Flut von Fragen. Veränderungen im Leben sind spannend, sorgen aber auch für Unsicherheiten. Im Allgemeinen sind die heutigen Kinderbücher immer sowohl für Mädchen als auch für Jungen ausgelegt und die Geschlechterrollen gut verteilt. Einmal kommt die Oma zum Hüten der Kinder, aber oft ist es auch der Opa. Äusserst lobenswert ist der Umgang mit dem Thema Sexualität in eigentlich fast allen Büchern. Sexualität wird klar und deutlich und jeweils altersgerecht erklärt. Die Zeiten der Geschichten vom Storch und den Bienchen und Blümchen sind glücklicherweise vorbei! Die Entstehung eines neuen Lebens wird ganz real in Wort und Bild dargestellt. Das Liebhaben und die Sexualität der Eltern ist etwas Natürliches im heutigen Kinderbuch. Die Bücher vermitteln ein gesundes Wissen über den eigenen Körper und den Körper des andern Geschlechtes. Sorge zu tragen zum eigenen Körper wird genauso gut thematisiert wie das Verhindern sexueller Übergriffe. Zum wichtigen Thema des sexuellen Missbrauchs gibt es ganz gezielt gute Bücher. Besonders schön finde ich die Vielfalt der Illustrationen der Kinderbücher, von lieblich bis witzig ist alles dabei.

Soweit klingt es, als wäre die Bücherwelt zu diesem Thema völlig in Ordnung. Aber leider habe ich doch einiges daran zu bemängeln. Um nochmals auf die Rollenverteilung der Geschlechter zurückzukommen, ist es leider schade, dass ich in keinem Buch einen Vater gefunden habe, der zu Hause bleibt und wickelt, während die Mutter wieder arbeitet. Die Väter sind immer dabei bei der Geburt, aber wo bleiben sie danach? Diesbezüglich ist das Kinderbuch noch in alten Zeiten stehengeblieben, was ich äussert schade finde. Als Mutter muss ich auch ein bisschen Kritik aufbringen für die Darstellung der Geburt an sich. Klar erzählen die Bücher, dass Mutter und Baby hart arbeiten müssen, doch das Thema Schmerz und eine schreiende oder weinende gebärende Mutter finde ich leider in keinem der Bücher. Immerhin wird das Thema Kaiserschnitt in manchen Büchern aufgenommen. Es ist mir dabei durchaus klar, dass wir hier von den Kinderbüchern für die Kleineren sprechen, die keinem Kind Angst machen wollen, wenn die Mutter ins Spital geht, um zu gebären. Trotzdem kann auch schon ein kleines Kind absolut nachvollziehen, was Schmerzen sind. Ich fände es ehrlicher, die Geburt realistischer darzustellen. Etwa das Aufzählen, was eine PDA oder andere Massnahmen zur Schmerzlinderung der Gebärenden sind, wäre doch gut möglich. Ein Kind weiss ja auch, dass es ihm besser geht, wenn es etwa bei hohem Fieber ein Zäpfchen bekommt. Zudem könnten so die Kleinen noch besser verstehen, warum Mutti in den meisten Fällen im Spital gebärt und sie selbst nicht mit dabei sein können.

Da wäre ich schon beim nächsten Kritikpunkt angelangt. Warum ist immer das Spital der Geburtsort? Hausgeburt oder Geburtshaus sind leider in den Büchern ausgeblendet. Eine Unterscheidung zwischen Arzt, Hebamme oder Schwester ist mir ebenfalls nicht begegnet, auch von der Nachbetreuung durch die Hebamme zu Hause ist keine Rede. Es wäre doch für das Kind wichtig, die Frau zu kennen, welche da in die neu zusammengestellte Familie platzt. All diese festgestellten Mängel passen auch gut zu der Tatsache, dass es eben nicht viele brandneue Bücher zum Thema gibt. Ich hoffe doch sehr, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird, es gäbe da viel zu machen. Als Buchhändlerin bin ich jedoch nach wie vor überzeugt, dass es kaum etwas Herrlicheres gibt, Kindern Themen näherzubringen, als das Buch, zusammen mit einer grossen Portion Zeit zum Vor- oder Mitlesen und um Fragen zu beantworten. Sexualerziehung ist ein Teil der Gesamterziehung und somit ein kontinuierlicher Prozess Tag für Tag. Eine umfassende Erziehung ist eine Erziehung hin zum Menschen mit Liebes- und Partnerschaftsfähigkeit in seinem Leben. Vielleicht müssten wir uns dies wieder viel bewusster machen, in einer Zeit, in welcher es ausgesprochen viele Singles gibt.

Mein Fazit: Ein Kind, welches keine Ängste, hat Fragen zu stellen, wird ein wissendes und selbstbewusstes Kind. Ein solches Kind wird auch wissen, was mit seinem Körper passieren darf und was nicht, und es wird dementsprechend reagieren und dies auch kundtun. So fördern wir starke Kinder! Jede Kinderfrage verdient eine ehrliche Antwort.

Persönlich freue ich mich auf das Wachsen meiner eigenen Familie, es hat mir grosse Freude gemacht, für diesen Artikel zu recherchieren. Anbei eine persönliche Auswahl meiner Lieblingsbücher zum Thema und vielleicht ein paar Auswahlhilfen für Sie. Mein Motto für jeden Tag: Niemand ist perfekt, alle machen manchmal Fehler beim Erziehen, das ist auch gut so!


Wichtige Beurteilungskriterien bei der Wahl geeigneter Bilderbücher zum Thema Mutterschaft und Sexualität für Kinder bis zum Alter von 8 Jahren:

a)    Welche Inhalte vermittelt das Buch insgesamt?
Sind die brennenden Fragen für diese Altersgruppe beantwortet? Diese sind wohl am häufigsten: Warum sind Mädchen und Buben äusserlich unterschiedlich? Woher kommen die Babys, wie kommen sie in Mamas Bauch hinein und erst recht auch wieder heraus?

b)    Wie geht das Buch um mit Rollenverteilung und Konfliktsituationen?
Mutti besorgt den Haushalt und versorgt die Kinder, Vati verdient das Geld und geht arbeiten…? (Bitte keine klischeehafte Rollenaufteilung.) Heile-Welt-Stimmung, alles ist immer in bester Ordnung? (Konfliktfähigkeit ist äusserst wichtig, Streit gehört in jeder Familie mit dazu.)

c)    Wahrheitsgebrauch des Buches?
Kinder wollen keine unrealistischen oder übertriebenen „Märchen“ aufgetischt bekommen, die schlichte, eventuell vereinfachte Wahrheit ist das Allerbeste!

d)    Vermittelt das Buch Wertansichten, welche wir auch vertreten?
Toleranz gegenüber anderen Ansichten, fremdländischen Menschen, Homosexualität?

e)    Wie ansprechend ist die Illustration des Buches, und wie kann man es anwenden?
Muss das Buch vorgelesen werden, kann das Kind auch einmal nur durch die Bilder die Geschichte erfahren? Ist es ein geeignetes Erstlesebuch? Meine Erfahrung als Buchhändlerin zeigt mir deutlich, dass Kinder oft nicht denselben Geschmack haben wie die Erwachsenen, welche ihnen Bücher schenken. Also, wann immer es möglich ist, lassen wir die Kinder aussuchen, welche Bücher ihnen gefallen!

Das PDF des in der Hebammenzeitschrift 12/2009 erschienenen Artikels samt Buchtipps kann hier heruntergeladen werden.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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