Sinnliche Zugfahrt

by Manuela Hofstätter on 6. April 2013

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Es ist der zweitletzte Zug von Zürich nach Bern, ich bin müde aber auch aufgekratzt. Ich durfte wieder einmal erleben, wie wundervoll Begegnungen doch sein können. Eigentlich will ich lesen, doch bevor ich mein Buch aufschlagen kann, nimmt eine Szene meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Ein schwer bepackter junger Mann nimmt mir gegenüber Platz, ein Weltenbummler denke ich mir und wirklich, sein Gepäck erzählt von einer langen Reise. Der Mann ist ganz in Schwarz gekleidet und er hat eine starke Ausstrahlung, meistens registriere ich kaum, wem ich gegenübersitze, erst recht nicht, wenn ich müde bin, doch augenblicklich sind meine Sinne hellwach. Der Reisende packt mit einer souveränen Ruhe einen Jutesack mit einem Brotlaib, ein Glas Fruchtgelee und ein Stück Butter aus und streicht sich ein Schnittchen. Gewiss habe ich so etwas schon oft gesehen, aber noch nie im Zug, noch nie um diese Uhrzeit und vor allem noch nie in einer derart selbstverständlichen und absolut sinnlichen Art. Diese Hände sind gross, stark, schlicht, arbeitsam, sie tun, was getan werden muss, denn ihr Besitzer hat Hunger zu später Stunde. Doch diese Hände erfüllen ihre Arbeit mit einer Innigkeit, ich kriege Gänsehaut und kann einfach nicht mehr aufhören, ihnen dabei zuzusehen. Schlimmer noch, ich zücke mein iPhone und halte ein paar dieser perfekten Momente im Leben dieser Hände ganz voyeuristisch und egoistisch für mich fest. Bedächtig findet die Butter ihren Weg auf die Brotscheibe, langsam folgt der Fruchtgelee auch seiner Bestimmung und ich bin mir sicher, noch nie wurden diese Lebensmittel so geschickt, ruhig und klar ihrem Bestimmungszweck zugeführt. Der Mann isst, auch dies ist ein Fest für meine Augen und mein Herz. Ach wie oft esse ich inzwischen hastig und unbedacht, welche Verschwendung, wie betörend schön ist es, jemanden wirklich genussvoll essen zu sehen. Schliesslich darf ich noch sehen, wie ein Stück Avocado kunstoll von seiner Schale losgelöst wird und ich weiss wieder, warum mich schöne Hände schon immer fasziniert haben. Es ist mir nicht möglich die Sinnlichkeit, welche diese Hände ausgestrahlt haben, hier in Worte zu fassen, ich hoffe, die Bilder bescheren dem einen oder anderen Leser auch eine solche Freude wie mir. In Olten ist der Reisende ausgestiegen, ich wünsche ihm von Herzen alles Gute, kein Wort haben wir aneinander gerichtet, aber ich finde, er hat mir eine ganze Menge erzählt und geschenkt. Noch nie war eine Zugfahrt für mich derart sinnlich. Es ist kalt draussen, aber ich verspüre eine Hitze in mir, keine Kälte kann mir gerade etwas anhaben.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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{ 2 comments… read them below or add one }

1 Reto April 29, 2013 um 14:54

Schön!

2 Anja Siouda Mai 29, 2013 um 09:00

Finde diesen Text sinnlicher als das eigentliche Foto!
Anja Siouda, Schriftstellerin

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