Solothurner Literaturtage 2017

by Manuela Hofstätter on 29. Mai 2017

Endlich war es so weit, am letzten Samstag bin ich nach Solothurn an die Literaturtage gereist, das habe ich schon lange gerne einmal tun wollen und mit im Gepäck meine Einladung, um am Zukunftsatelier der Solothurner Literaturtage teilzunehmen: MODUL A zu Blog oder Kritik – Ersetzt die unabhängige Kritik im Netz die klassische Literaturkritik im Feuilleton?

Das Ganze startet mit einem Referat von Christiane Frohmann. Frau Frohmann eröffnet zwar humorvoll, bringt einige interessante Aspekte ein, aber dann beginnt mich ihr Referat zu langweilen. Die Referentin liest alles ab, guckt fast nur in ihren Laptop und hat eine zwar wunderbare, aber leise, immer gleich klingende Stimme. Die Stimme spricht zunehmend nur noch im Fachslang, ich verstehe diesen zwar fast gänzlich, finde ihn aber ermüdend und unnötig. Schliesslich beginne ich mich zu ärgern, über die Einteilung der Menschheit in Gruppen und deren Fähigkeit in Sachen Digitalität. Das Wort “Flow” mutiert zu meinem Unwort des Tages, das merke ich auch deutlich, dabei bin ich eigentlich wohl auf derselben Wellenlänge wie Frau Frohmann, ich bin neugierig und ich würde nie über etwas urteilen, das ich nicht kenne. Während sie locker bekennt, Pokemon auch gespielt zu haben (also das neuerdings auf dem iPhone und so), bin ich erheitert, denn ich befasse mich unter anderem ja immer noch mit dem Spiel Minecraft im Netz, die wummernde Gamehalle an der Suisse Toy Messe in Bern hat mich fasziniert. Aber ich wehre mich für die Buchbranche, Autoren und Verlage, welchen hier angekreidet wird, den Anschluss an die digitalisierte Welt der Jugendlichen heute nicht hinzubekommen. Ich lasse jeden gerne in Ruhe, der für sich beschliesst, seinen digitalen Fussabdruck auf unserem Planeten möglichst klein zu halten, denn er weiss sicherlich auch, warum er dies so haben will. Ich will mich bewegen können im digitalisierten Heute, aber ich will die Bodenhaftung nie verlieren, ich wünsche mir für mich ganz alleine, dass ich jederzeit in der Berghütte, ohne Strom und nur mit dem Buch in der Hand jederzeit mein Glück auch finden kann. Erstaunt stelle ich fest, wie viele Kinder und Jugendliche, eine netzfreie Zeit plötzlich auch wieder geniessen, vielleicht kommt bald die Zeit, in welcher wir diese gar suchen werden und teuer dafür bezahlen. Naturcamps, Real Life Adventures, in entlegenen Tälern, ohne Netzempfang, könnten als kultiges Topevent tatsächlich Zukunftsmusik werden. Erschöpfte, zum Teil kranke Kinder und Teenager müssen uns eigentlich auch aufhorchen lassen.

Verlage und Autoren geben ihr Bestes, da bin ich sicher, ich finde, es ist eben auch der Charme unserer Brache, etwas gemächlicher und überlegter den Stürmen unserer Zeit entgegen zu kommen. Das seriöse Verbinden der digitalen und der bestehenden Struktur, darüber würde ich gerne mehr hören und sprechen. Schulen bilden vermehrt im Netz, was passiert mit unseren Gehirnen, wenn wir nur noch digital lernen? Was, wenn die Handschrift auf einmal gar verschwindet? Frau Frohmann ist zweifelsohne eine vielseitige Netzwerkerin, meine Meinung also rein persönlich und nicht als Zweifel an ihrer Fachkompetenz zu sehen.

Die kurze Pause tut gut, ich habe im Saal einzig 14 Leute ausgemacht, darunter den Übersetzer von Deutsch auf Französisch, welchen ich über alle Massen bewundere und der mir auch berichtet, dass dies ein hartes Stück Arbeit für ihn war und fast nicht zu bewältigen.

Nun geht es weiter, ich freue mich auf Sieglinde Geisel, welche schon vor ihrem Auftritt gesprächsbereit ist und sehr leidenschaftlich und lebendig wirkt. Nun also “Blog oder Kritik” mit ihr.

Philipp Theisohn moderiert und ich erfahre, dass gestern schon renommierte Blogger gemeinsam diskutiert hätten (lesefieber.ch jedenfalls war nicht dabei) und ich schmunzle in mich hinein, gestehe mir ein paar Sekunden beleidigt sein auch zu, stehe dann darüber, denn ich weiss ja, dass ich von den “grossen” schlicht gemieden werde und weiss zum Glück aber auch haargenau, wie meine Reichweite aussieht, was ich kann und tue. Sieglinde spricht angenehmer, auch spannend, aber leider geht es meistens am Thema vorbei. Wir lernen einfach die Plattform tell-review.de sehr gut kennen. Mir gefällt das Projekt und tell-review.de, übrigens laut Sieglinde gar kein Blog, sondern ein Onlinemagazin für Literatur und Zeitgenossenschaft. Aber ich bin mit einer anderen Erwartungshaltung hier. Wo bleiben die Frage und der Austausch nach der Zukunft der Verbreitung von Literaturinformationen, Kritiken, Bücherblogs? Da würde es so viel zu besprechen geben, aber ich habe hier und heute keine Zukunftsmusik gehört, mir reicht es!

Die Schlussdiskussion schenke ich mir, ich will noch ein wenig Literatur in Solothurn geniessen! Ich lausche auf dem Aussenpodium einem unbekannteren Autor und es ist einfach schön, dann höre ich einer Gruppe Musiker zu, sie spielen eine herrliche Interpretation von Stephan Eichers “Hemmige” und meine Laune hebt sich gewaltig. Es ist heiss in Solothurn, aber es sind unglaublich viele Menschen unterwegs, kulturliebende Menschen, ich geniesse dieses Wandeln unter und mit ihnen. Natürlich kaufe ich noch in der Buchhandlung ein und dann brauche ich einen Kaffee und viel Wasser und ein Ticket für eine Einzelveranstaltung.

Tim Krohn wird im Landhaussaal lesen, ich möchte weit vorne sitzen können und werde beizeiten dort sein. Tim Krohns neuen Roman aus seinem Projekt der Romanserie “Menschliche Regungen“, hat mich begeistert, ganz und gar, wir haben “Herr Brechbühl sucht eine Katze” im Lesekreis gelesen und das war ein sehr angeregter Austausch. Selten will ich dann einen Autor auch sehen, doch auf Krohn freue ich mich ganz ungemein, er schreibt viel, aber eben absolut gut und das finde ich phänomenal, wie wird er wirken? Der Saal ist brechend voll, ich schätze mal 800 Menschen, wenn nicht mehr sitzen da, ich bin recht weit vorne, Tim Krohn macht verschmitzt ein Handyfoto vom Publikum und ich denke voller Freude, dass es ihn mir so greifbar und liebenswert macht. Dann liest er drei Regungen vor. Dieser Autor kann sprechen und lesen, das Publikum ist verzaubert, ich möchte ihm einfach noch stundenlang zuhören!

Viel zu schnell ist die Lesung vorbei, Tim Krohn signiert unten in der Halle, aber ich sitze denkbar schlecht, um zu ihm zu gelangen. Doch über die Aussentreppe gelange ich doch zügiger aus der Menschenmasse heraus, eile wieder dem Eingang zu, erblicke unzählige Menschen und noch, ganz alleine am Stehtisch steht er da: Tim Krohn. Er signiert mir mein Buch, er ist aufmerksam, grossartig und ich möchte gar nicht mehr weg. Seine Ausstrahlung tut gut, doch wie mir das eben in Situationen tiefer Bewunderung immer passiert, gerate ich völlig aus der Spur. Ich berichte wirr vom Lesekreis, auch anderes, kämpfe um meine Stimme und bitte um ein Selfie, schiesse dieses, obwohl Tim Krohn jemanden bitten würde, ein Foto von uns zu machen und schneide diesem grossen Mann und Schriftsteller einfach den Kopf ab.

Im Zug heimwärts komme ich langsam wieder zu mir, fasse mein Glück, streichle meine signierte Buchausgabe und bin versöhnt mit dem ganzen Tag, ein fantastischer Tag. Die Solothurner Literaturtage machen viele Leute glücklich, haben ein breites, reichhaltiges Programm und sind sicherlich auch mutig, um Raum zu erkunden, der Neuland darstellt. Mich haben sie mit dem Besuch einer bewähren Lesung am glücklichsten gemacht! Danke!

Tim Krohn ist übrigens ein Autor, der virtuos die digitale Welt und die Nähe zu den Menschen und Lesern zu verbinden weiss.


Hier läuft Tim Krohn übrigens bei 1:40 einfach so durchs Bild!

Manuela Hofstätter

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter
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