Waschküchengeschichten

by Manuela Hofstätter on 21. September 2012

Waschküchengeschichten

Wir leben als Mieter in einem Haus, allerdings sind wir unter der Woche seit längerer Zeit alleinige Herrscher der Lokalität, die Wohnung unter uns ist noch nicht vermietet und das Studio ist in der Regel bloss am Wochenende bewohnt. Im Studio leben die Zürcher, wie wir sie oft nennen, denn in dieser Region wohnen sie eigentlich. Wir mögen das Paar aus dem Studio, sie sind einige Jahre älter als wir, er ist Lastwagenchauffeur, sie bei einer Bank im Hintergrund. Für mich ein schöner Pluspunkt, die Frau liest leidenschaftlich gerne gute Bücher. Leider sind unsere literarischen Gespräche seltener geworden, denn meine kleinen Kinder kommen immer lauthals dazwischen. Unvergesslich aber bleibt mir auch ein Alpwochenende mit Ursi und Chrigel, welches sie uns zu unserer Hochzeit geschenkt haben. Chrigel ist ursprünglich ein echter Berner Oberländer und unser Wochenende auf der altehrwürdigen Alp im Simmental war hinreissend. Ursi hat auf dem alten Herd über dem Feuer ein Menü kredenzt, himmlisch und eben unvergesslich! Das Alpwochenende liegt einige Jahre zurück, inzwischen haben wir leider seltener Kontakt und manchmal geraten wir auch ein klein wenig aneinander mit unseren Wünschen als Hausbewohner. Nichts Ernsthaftes, und ganz ehrlich, ich denke, neben unserer Familie zu wohnen ist nicht einfach, wir sind laut, sehr laut und wir sind Chaoten, Riesenchaoten! Wir schleppen halbe Wälder mit nach Hause, also ist es gut möglich, dass sich das Treppenhaus weit entfernt von Sauberkeit. Wenn es eilt und ich mit den Kindern rasch in die Wohnung eile, dann steht das Rad direkt im Eingang, gut möglich dass es sich noch in Gesellschaft von Taschen befindet und ein Durchkommen deutlich erschwert ist. Ja und eben dann bin ich eine schlechte Hausfrau, es ist gut möglich, dass unsere Wäsche eine Woche an den Leinen hängen bleibt und von besseren Zeiten und heissem Bügeleisen träumt. Kuchen backen und kochen, basteln mit den Kindern und lesen am Abend, wenn sie schlafen, das liegt mir dann mehr am Herzen als die doofe Wäsche.

Aber Ursi ist die Ordnung in Person und auch Chrigel wäscht immer sein Auto am Wochenende, die Wäsche ist bei ihnen in zwei Tagen komplett fertig, ich gebe zu, ich bin gar neidisch auf dieses Tempo. Logisch passen wir da oft nicht zusammen, wenn sich die Beiden freuen, dass endlich Wochenende am Thunersee ansteht und dann öffnen sie die Tür und müssen sich schon ärgern über unsere Unordnung. Ich gebe mir grosse Mühe am Freitagabend unsere Wäsche abzuhängen und Ordnung zu schaffen, wir und die Zürcher, wir mögen uns schliesslich und hänseln uns mal liebevoll mit unseren Macken, aber dann sitzen wir mal wieder spontan zusammen, trinken ein Glas Wein und Reden über Gott und die Welt. Heute ist Freitag, ich dachte mir, die Beiden wären noch in den Ferien, die Waschmaschine ist belegt mit unserer Wäsche, die Leinen noch behängt, Unordnung allüberall, ich komme mit müden Kindern vom Einkauf zurück und stelle fest, Ursi und Chrigel sind da, logischerweise mit viel Wäsche nach den Ferien. Ich klopfe bei ihnen an, bitte entnervt um Verzeihung, die Kinder schreien ich bin kurz angebunden und doof drauf. Ich habe versprochen abends meine Wäsche abzuhängen und die nasse woanders auf zu hängen.

Als die Kinder schlafen, eilt mein Schatz in den Keller, er will mir die Arbeit abnehmen, doch er steht zu schnell schon wieder vor mir und meint, es sei alles schon erledigt. Ungläubig gehe ich selber in die Waschküche und staune, so schön hängte die Hofstättersche Wäsche noch nie an der Leine, und fein zurechtgelegt ein paar trockene Stücke liegen da, Ursi hat es hingekriegt, dass alles hängen kann, ganz ehrlich, da habe ich gleich Mühe, dass mein Auge trocken bleibt. Ich bin nämlich müde vom Tag mit den Kindern und genervt über mich, dass ich so chaotisch bin. Mensch, es gibt sie eben doch auch, die guten Waschküchengeschichten, die Freundschaften, die selbstlose Hilfe füreinander. Jetzt habe ich diese Zeilen einfach schreiben müssen, sie können vielleicht bewirken, dass auch Andere mehr über ihren Schatten springen und einfach helfen und im Kleinen Grosses bewegen. Ich fühle mich nämlich gerade so glücklich über Ursis Tat, Dankeschön Ursi, ich hoffe du begegnest diesen Zeilen mal.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
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1 buechermaniac September 26, 2012 um 15:19

Wie könnte ich nicht über diese Zeilen stolpern, lese ich doch immer in aller Stille mit.
Die Zeilen haben mich zum Schmunzeln gebracht und haben mir vor Rührung beinahe die Tränen aus den Augen gedrückt.
Siehst du mein Lächeln im Gesicht?

Danke Manuela
“Die Zürcherin” vom Studio ;)

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