Franz-Tumler-Literaturpreis 2017

Laas, 15. September 2017

Strahlendes Wetter, blauer Himmel, das kleine, feine vinschgauer Dorf Laas steht ganz im Zeichen der Literatur. Am Freitag, dem 15. September 2017 dürfen wir vor Ort sein und berichten. Am Vormittag lesen die ersten zwei Autorinnen aus ihren Werken, Mascha Dabić beginnt mit ihrem Buch “Reibungsverluste”. Um die Reibungsverluste beim Übersetzen geht es in diesem Roman, aber auch um das Gespür für Menschen und Sprache, das Thema Migration und Folter sowie um die Frage nach einem sicheren Ort in unserer Welt.

Im Saal sitzen viele Leute, er ist voll und mir fällt auf, dass das Durchschnittsalter deutlich tiefer ist als normalerweise an Literaturveranstaltungen. Es sitzen ganze Schulklassen junger Erwachsener im Saal und dies wird den ganzen Tag so bleiben, sie hören genauso gebannt zu wie alle Anwesenden, so habe ich das noch nie erlebt und es berührt mich ungemein. Auch der Sohn von Franz Tumler beehrt die Veranstaltung, er ist ein äusserst amüsanter, versierter Gesprächspartner. Die Geschichte der Laaser ist eine bewegte und sicherlich wird hier mit Stolz die Sprache und Literatur verehrt, denn es gab Zeiten, da war die deutsche Sprache im Südtirol verboten.

Die hochkarätige Jury debattiert, es ist ein Freude zuzuhören. Gerhard Ruiss, Manfred Papst, Kurt Lanthaler, wie auch Daniela Strigl tun ihre Bewunderung für Dabićs Werk kund, bereichernd dann die kritischere Ansicht von Elke Heinemann, die weitere Denkanstösse gibt. Ich habe diesen Roman sehr gerne und er hat mich richtig bewegt und begeistert. Gut versorgt mit Getränken, lauschen wir nach der Pause gebannt der Stimme von Juliana Kálnay, die aus “Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens” liest.

Diese junge Autorin hat eine so wundervolle Stimme, ich schliesse gar genüsslich die Augen, um ihrer Stimmmagie zu lauschen. Die Jury ist sich einig, hier verfügt eine Autorin über eine ungeheure Fantasie und ein Sprachtalent, die Kritik ist hier aber vielseitiger. Ich finde das hochinteressant, hatte ich doch Mühe mit diesem Roman, entdecke ich neue Seiten dieses Werkes. Ihre Bewohner und Wesen im Roman im Haus 29 sind verschiedenartig, manchmal greifbar, aber meistens eben nicht, wir müssen uns beim Lesen bewusst immer wieder zahlreiche Fragen stellen. Später in der Mittagspause habe ich bei einem herrlichen Essen das Glück, dieser Autorin gegenüberzusitzen, ihr Charme, Schalk und ihre Präsenz sind sehr gewinnend.

Aber vor der Mittagspause lauschen wir dem sichtlich fest erkälteten Stephan Lohse, doch dieser liest lebendig und unterhaltsam, man erkennt den Schauspieler in ihm. Sein Roman “Ein fauler Gott” berichtet über den Verlust eines Kindes, der Trauerarbeit von einer Mutter und dem Kind, das seinen Bruder verloren hat und nun für sich und seine Mutter kämpft, um einen Weg zurück ins Leben zu finden. Die Jury ist sich recht einig, hier ist ein Sprachvirtuose am Werk gewesen, einzig hat er vielleicht etwas zu viel in seinem Roman noch mit hinein verarbeitet. Ich mochte diesen Roman sehr und der Autor selbst ist einfach so sympathisch, man muss ihn einfach mögen!

Nach der Mittagspause, in welcher man wie immer hier in Laas mit vielen Leuten, egal ob mit Gästen, den Autoren oder Mitgliedern der Jury, in anregenden Gesprächen vertieft war, geht es pünktlich weiter mit der Lesung von Julia Weber und ihrem Buch “Immer ist alles schön”. Es wird sehr still im Saal, die leise, weiche Stimme der Autorin geht unter die Haut, so auch ihr Roman um eine Mutter, die um ihre Rolle und Fassung ringt und ihre Kinder, die dank einander und ihrer Fantasie überleben können. Die Jury ist begeistert, Gerhard Ruiss gesteht, wie stark ihn dieser Roman erschüttern konnte. “Ein heftiges und zärtliches Buch zugleich”, so beschreibt es dann auch Manfred Papst und bringt damit genau auf dem Punkt, was ich beim Lesen dieses Romans empfunden habe.

Die letzte Autorin liest nun noch, Kathy Zarnegin mit “Chaya”, ein Roman, welcher uns die persische Kultur näher bringt und die übersprudelnde Erzähllust der Autorin, hier geht auch einmal ein Lachen durch den Saal, ein durchaus heiterer Roman wurde uns da geschenkt, das liebte ich auch beim Lesen.

Nach einem langen, intensiven Literaturtag zieht sich die Jury nun zurück, keine leichte Aufgabe, welche dieses hochkarätige Team nun zu meistern hat. Wir geniessen auf einem Rundgang durch Laas einen lebhaften Erzähler, der Dorfkenner Wilfried Stimpfl ist ein leidenschaftlicher Laaser und wir vernehmen von ihm Verblüffendes, Beeindruckendes sowie viel Wissenswertes über Laas und seine bewegte Geschichte. Laas ist so faszinierend, ich werde darüber noch einzeln berichten.

Am Abend ist die freudige Spannung in der Laaser Markuskirche deutlich greifbar. Die Blechbläser spielen feierliche Musik, ein würdiger Ort, Dankesreden an alle Beteiligten und dies sind in Laas nicht wenige, dieses Dorf zieht an einem Strick, das ist für mich etwas so Beeindruckendes. Ein derartiges Miteinander für die Literatur habe ich noch nirgendwo sonst angetroffen. An dieser Stelle deshalb ein Hoch auf die Laaser und ein riesiges Dankeschön! Ich bin mir sicher, wer einmal Laas so erlebt hat, der wird wieder kommen und dieses Dorf nie wieder vergessen.

Endlich, der durch die vinschgauer Bibliotheken organisierte Publikumspreis geht hochverdient an Stephan Lohse! Lohse wird im nächsten Frühling einen dreiwöchigen Schreibaufenthalt auf dem Rimpfhof hoch über Laas verbringen dürfen, ein magischer Platz, wie wir vernommen haben.

Die Gewinnerin des sechsten, mit 8000 Euro dotierten Franz-Tumler- Literaturpreises für das beste Debüt geht an Julia Weber mit ihrem Roman “Immer ist alles schön” aus dem Limmat Verlag. Glücklich steht sie da, die Gewinnerin, grundehrlich gesteht sie am Mikrofon, sie sei noch nicht so gewohnt, wie man das jetzt macht, dies sei ihr erster Preis, aber Lesen, das könne sie und es folgt die Lesung einer kurzen Passage aus dem Buch.

Wir freuen uns und gratulieren der Autorin und dem anwesenden Erwin Künzli, dem Verleger des Limmat Verlags. Längst sind wir alle Freunde geworden in Laas, nicht zu vergessen dank der hervorragenden Arbeit und Organisation von Maria Raffeiner, welche uns von Anfang an perfekt betreut hat. Natürlich steht hinter diesem famosen Anlass ein grosses, grossartiges Team. Alle dürfen wir nun gemeinsam feiern, ein herrliches Büffet steht bereit und diese Nacht wir eine sehr kurze sein!


 

Apropos, ein Hinweis von Wilfried Stimpfl: Im Schloss Kastelbell findet vom Sonntag 24.09.17 – Dienstag, 31.10.17 eine Austtellung des Schweizer Malers und Schriftstellers Jacques Guidon statt!

 


Ungeschnittene und spontane Kurzinterwievs mit den nominierten Autorinnen:
Es fehlt leider Stephan Lohse, wir wollten ihn schonen, er war wirklich nicht fit.

Mascha Dabić, Reibungsverluste

Kathy Zarnegin, Chaya

Julia Weber, Immer ist alles schön

Juliana Kàlnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens


 


 


 

Laas, 14. September 2017

Vom Thunersee bis ins Vinschgau nach Laas im Südtirol haben wir sieben Studen Reisezeit hinter uns gelegt und sind mit dem Auto über drei Pässe gefahren, über den Brünig, den Flüela und den Ofenpass. Wind und Regen haben uns begleitet, Wolken, dann ein klein wenig Sonnenschein und schliesslich ein regnerisches Laas. Sofort werden wir in Empfang genommen und sind dankbar zu wissen, wo wir schlafen werden. Dann um 19.00 Uhr ist es soweit, die Laaser stellen ihren Franz-Tumler-Literaturpreis vor, welchen sie seit dem Jahr 2007 alle zwei Jahre vergeben. Laas präsentiert sich humorvoll, selbstironisch und aber vor allem absolut herzlich, schön haben Sie alle nach Laas gefunden! Sogar der Sohn von Franz Tumler ist anwesend und stellt sich später als herrlicher Gesprächspartner heraus, mit einer wie er meint echten Berliner Schnauze, welche er auch in Wien bei der Familie seiner Frau nie verloren habe, höchstens etwas zurückgenommen habe er sie dann, indem er Pfeife rauchte.

Die Nominierten, die Jury, Laas selbst und die Preisträgerschaft wurden vorgestellt und dann wurde eine herrliche Suppe mit wunderbarem Brot offeriert für alle Anwesenden. Die Anwesenden, das heisst eine eher kleine Gruppe von Kulturmenschen, aber eben alle mit einer wahren Leidenschaft. Da musste ich doch tatsächlich nach Laas reisen um einmal neben dem sympathischen Erwin Künzli, dem Verleger vom Limmatverlag sitzen zu können. Auch der Kritiker und NZZ Mensch Manfred Papst sass am Tisch und vier der fünf nominierten Autoren, es war ein fröhliches Miteinander, Gespräche auf Augenhöhe. Erst kürzlich habe ich von einem geschätzten Kollegen vernommen, dass es in der Schweiz kaum erreicht wird, das Miteinander von Lesern und Autoren, hier ist es ungezwungen einfach so.

Laas verbindet seine Industrie mit dem kulturellen Schaffen äusserst charmant, wir werden heute bei einer Führung mehr über Laas erfahren dürfen. Zurecht wird hier im Vinschgau Laas als das Kulturdorf bezeichnet, die Geschäfte im Dorf machen alle mit, haben Bücherwürmer aufgestellt und präsentieren so die Nominierten und den Franz-Tumler-Literaturpreis.

Heite also wird ein fantastischer Tag, die Lesungen stehen an, die Juroren werden ihre Plädoyers halten, die Spannung wird steigen und dann am Abend wird der Gewinner oder die Gewinnerin des 6. mit 8000 Euro dotierten Franz-Tumler-Literaturpreises bekannt gegeben . Auch der Publikumspreis wird dann vergeben und bedeutet für einen Autoren, einen dreiwöchigen Schreiburlaub in Laas auf dem Rimpfhof erleben zu dürfen.
Ich habe schon Gespräche mit einigen Autorinnen geführt, die Stimmung ist hochmotiviert. Klein aber fein, ist das hier in Laas und darüber hinaus auch absolut hochkarätig!

Hier die Juroren und ihre gewählten Werke:

Manfred Papst : Julia Weber, Immer ist alles schön
Kurt Lanthaler: Juliana Kàlnay, Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Elke Heinemann: Stephan Lohse, Ein fauler Gott
Daniela Strigel: Mascha Dabić, Reibungsverluste
Gerhard Ruiss: Kathy Zarnegin, Chaya


 

Ich darf dieses Jahr am 14. und 15. September 2017 den Franz-Tumler-Literaturpreis für zeitgenössische deutschsprachige Debütromane in Laas im Südtirol begleiten und darüber berichten.

Die Nominierten: http://www.tumler-literaturpreis.com/nominierung-2017.html


 

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Kathy Zarnegin / Chaya

Vier Fragen an Kathy Zarnegin

Nominiert für den Franz-Tumler- Literaturpreis, wie oder wo haben Sie das erfahren und was löste das in Ihnen aus?
Mein Verleger Rainer Weiss rief mich eines schönen Morgens in den ersten Maitagen (glaube ich!) an und informierte mich über die Nomination. Ich war zu Hause, wie oft am Schreibtisch, als ich die Nachricht erhielt. Was es in mir auslöste?- Ein grosses Glücksgefühl, natürlich! Die Nomination für einen Literaturpreis ist eine grosse Ehre an sich, hier kommt noch der Umstand hinzu, dass ich seit vielen Jahren schon mit Tumlers Werk vertraut bin und seine Erzählkunst sehr schätze.

Üben Sie als Schriftstellerin das Vorlesen Ihrer Texte, auch jetzt für Laas?
Ich muss nicht mehr üben, da ich in den letzten Monaten viele Gelegenheiten hatte, aus meinem Buch zu lesen. Ausserdem ist es mein Buch, also irgendwie auch mein Kind: Ich kenne es sehr gut!

Bereits für ein Debüt so im Rampenlicht zu stehen, nominiert zu sein für einen Preis, das ist sicherlich ein gutes Gefühl! Verändert es Ihr Schaffen für die Zukunft?
Alle AutorInnen wünschen sich einen Literaturpreis, das ist klar! Ich freue mich wahnsinnig über die Nomination, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass dies einen Einfluss auf mein Schaffen hat. Ich schreibe schon so lange ohne vergleichbare Anerkennungsinsignien und bin trotzdem meinen Weg gegangen.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Werk, darf man sich schon freuen?
Das Kompliment nehme ich gerne als Ansporn an, und ja, ich arbeite seit einer Weile schon an einem neuen Text.


 

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Juliana Kálnay / Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens


 

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Stephan Lohse / Ein fauler Gott

Vier Fragen an Stephan Lohse

Nominiert für den Franz-Tumler- Literaturpreis, wie oder wo haben Sie das erfahren und was löste das in Ihnen aus?
Ich weiß es tatsächlich nicht mehr genau, ich glaube, habe einen Anruf der Pressevertreterin des Verlages bekommen. Sie ist für gute Nachrichten zuständig. Ich habe mich natürlich sehr gefreut und sofort gegoogelt, wo dieses Laas liegt.

Üben Sie als Schriftstellerin das Vorlesen Ihrer Texte, auch jetzt für Laas?
Nein, ich übe das Vorlesen nicht, es lohnt sich nicht, ich mache die Fehler nie an den gleichen Stellen. (Wenn ich allerdings vorhabe, etwas zu lesen, das ich noch nicht gelesen habe, lese ich es mir einmal zu Hause laut vor und lasse die Uhr mitlaufen.)

Bereits für ein Debüt so im Rampenlicht zu stehen, nominiert zu sein für einen Preis, das ist sicherlich ein gutes Gefühl! Verändert es Ihr Schaffen für die Zukunft?
Ja, es ist ein gutes Gefühl und nein, es verändert das Schreiben nicht. Ich gebe mir viel Mühe, dass dies nicht geschieht. Ich versuche alles, was mich befangen machen könnte, zu vergessen.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Werk, darf man sich schon freuen?
Ja, ich arbeite an einem neuen Buch. Schneckenlangsam. Es wird noch dauern…


 

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Julia Weber / Immer ist alles schön

Vier Fragen an Julia Weber

Nominiert für den Franz-Tumler- Literaturpreis, wie oder wo haben Sie das erfahren und was löste das in Ihnen aus?
Mein Verleger Erwin Künzli hat mich angerufen, ich glaube, ich sass gerade in meinem Atelier und habe nichts schreiben können. Eine grosse Freude war es, von der Nominierung zu hören.

Üben Sie als Schriftstellerin das Vorlesen Ihrer Texte, auch jetzt für Laas?
Ich werde wahrscheinlich ein Stück aus dem Buch lesen, das ich auch vorher schon ein paar mal, also mittlerweile sogar oft, gelesen habe. Darum werde ich den Text nicht mehr laut lesen üben, aber falls ich ein neues Stück lese, dann übe ich es bestimmt.

Bereits für ein Debüt so im Rampenlicht zu stehen, nominiert zu sein für einen Preis, das ist sicherlich ein gutes Gefühl! Verändert es Ihr Schaffen für die Zukunft?
Es ist ein sehr schönes Gefühl ja, ich bin sehr froh, dass das Buch gesehen und so auch gelesen wird. Ich weiss, dass das nicht selbstverständlich ist, dass es auch mit Glück zu tun hat, ob ein Buch wahrgenommen wird oder nicht. Ich habe sehr lange an diesem Buch gearbeitet und will gerne, das so viele Menschen wie möglich es lesen. Auch glaube ich es tut der Welt gut. dass es dieses Buch gibt. Mein Schreiben hat sich ein wenig verändert ja, also nicht während des Schreibens, aber ich habe bemerkt, dass wenn ich einen neuen Text durchlese, dass ich dann automatisch die Rezensionen mitdenke. Das ist ungesund, für mich und den Text, das ist komisch und ich bin mir sicher, das geht wieder vorbei.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Werk, darf man sich schon freuen?
Ja, ich habe mit einem neuen Text begonnen. Was genau es ist, weiss ich noch nicht, aber es ist ein Gutes Arbeiten, sehr intensiv und lustvoll. In diesem Text geht es um eine Hexe, um den Körper (vor allem den weiblichen), um das nicht alten werden sollen in dieser Gesellschaft und um eine Frau, die sich in den Armen der Protagonistin in einen Fisch verwandelt.


 

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Mascha Dabić / Reibungsverluste


 

Das Programm: https://www.lesefieber.ch/Franz-Tumler-Literaturpreis-2017.pdf