Franz-Tumler-Literaturpreis 2019

Saal des Josefshaus, Laas

Freitag, der 20. September 2019 im Südtirol. Morgens um 9 Uhr sitzen wir in der ersten Reihe im Saal des Josefshaus in Laas. Viele Schüler der Oberstufenschulen verbringen den Morgen hier mit Literatur und sie wirken interessiert, selbst wenn dies ihr letzter Schultag vor den Ferien ist. Die Schüler haben die nominierten Werke gelesen und Sätze daraus ausgesucht, welche nun die Scheiben der Geschäfte und Lokale in Laas zieren, auch die kunstvollen Buchskulpturen, welche uns schon vor zwei Jahren so fasziniert haben, fehlen nicht. Der Saal ist voll, es stehen sogar noch Leute im Eingangsbereich. Laas ist in der Tat einfach etwas ganz Besonderes und der Moderator Christoph Pichler, eine äusserst bekannte Stimme aus dem Südtirol bringt es mit seinen ersten Grussworten des Tages genau auf den Punkt:

“So machen wir das hier in Laas – wir sind freundlich und konstruktiv kritisch!”

Die erste Reihe mit https://dasdebuet.com

Herr Pichler ist die bekannteste Stimme der Region, als Radiomoderator von Rai Südtirol kennt man ihn. So stehen nun der Morgen und der Nachmittag im Zeichen der nominierten Debüts und der Literaturkritik. Einzigartig am Franz-Tumler-Preis ist eben einerseits die Professionalität, welche das Juryteam gewährleistet und andererseits die Liebe und Leidenschaft des ganzen Ortes für die Kunst und Literatur. Je eine Stunde wird für jedes nominierte Werk eingeräumt.

Moderator Christoph Pichler

Niko Dinić startet mit seiner Lesung, wählt gekonnt eine einprägsame Schlüsselstelle aus seinem eindringlichen Roman aus. Die Jurystimmen zu seinem Buch zeugen von Respekt gegenüber der Thematik, die der Autor gewählt hat, er nähert sich der Problematik seiner Herkunft an, dem Land Serbien und der Stadt Belgrad und dem Nationalismus welcher grassiert. Die Jury ist sich einig, thematisch ein wichtiges Werk, Belgrad eine Stadt wie ein bittersüsser Moloch, unzähligen Bombardements ausgesetzt in seiner heftigen Zeitgeschichte. Ein Buch gegen den Nationalismus.

Angela Lehner liest nicht so, wie sich das die Jury oder auch ihre Leserschaft vielleicht vorgestellt hat, diese Autorin versteht es, zu verwirren, sich treu zu bleiben und in einer unbeschreiblichen Ironie zu agieren. Gabriele Wild, die Jurorin, welche Lehner nominiert hat, trifft es mit Ihren Worten: “Dynamisch, frech, sprachlich und formal auf literarisch hohem Niveau” schreibe Lehner ihr Debüt. Juror Kunisch fügt an, dieses Werk weise kein falsches Wort auf, sei einfach gut geschrieben. Ruiss lobt das freche Werk mit viel Situationskomik ebenfalls und freut sich ob der Fragestellung, was denn als normal und was als verrückt zu werten sei. Frau Striegel ist von der subtilen Komik gleichermassen angetan und Papst verweist auf die grandiosen ersten Worte des Romanes, wie auch auf die “rotzige” Spannung und die Tatsache, dass die Leserschaft auf die raffinierteste Weise verschaukelt wird.

Angela Lehner liest aus “Vater Unser”

Herr Maess ist auch optisch eine absolut klassische Erscheinung, so auch sein Werk, eine Ausnahme in Sprache und Sorgfalt, dem Bildungsroman entsprechend sorgfältig ausgeführt. Frau Wild stellt sich der allgemeinen Meinung des Juryteams entgegen, sieht Schwächen im Werk. Doch wenn man genau hinhört, kann sich auch Herrn Papst bei diesem hervorragenden Text die Überforderung mancher Leserschaft vorstellen, denn man kann schon erschlagen werden von der Fülle dieses Romans.

Eine Mittagspause tut nun allen Beteiligten gut, damit man sich gestärkt auf die letzten beiden Werke freuen kann.

Frau Randel vermag das Publikum im Saal zu so manchen Lachern und zum Schmunzeln zu bringen. Die Jury mochte das “Wimmelbuch” für Erwachsene ganz gerne und konnte auch mit der Parodie zwischen dem Menschen- und Tierreich viel anfangen. Liebevoll wird Frau Randel von Herrn Papst als heitere Koboldin bezeichnet, die sie denn auch gewiss ist und doch eben auch nicht immer, wie sie mit Nachdruck erzählt, denn ihre Anliegen sind auch dringlich und melancholisch, so denn man dies zu erkennen vermag.

Lola Randl liest aus “Der grosse Garten”

Stoifberg bedankt sich für die Ausdauer des Publikums und aller anderen, als letzter Aufmerksamkeit zu erhalten ist für ihn aber einfach, denn nach seiner Lesung herrscht andächtige Stille, Schockstarre ob der Dramatik, die sein Werk bereits nach wenigen Seiten auszulösen vermag. Die Beurteilung der Jury ist durchwegs positiv, ein gewagter Text, bei welchem er starke Gefühle entwickelte, meine etwa Juror Ruiss, hochkomplexe Themen wie Schuld, Komplott und Wiedergutmachung beeindruckten Frau Wild, während Frau Strigl die grosse Kraft der Sprache im Präsens lobte. Herr Kunisch erklärte diesen Roman zum Kunstwerk.

So ging ein langer, intensiver Tag in Laas zu Ende, die Jury arbeitete weiter, musste einen Gewinner küren, schwer dürfte es ihnen gefallen sein, bei diesem hochwertigen Jahrgang.

Feierlich zu und her geht es dann um 19 Uhr in der Marx-Kirche in Laas, herrliche Musik umrahmt die Feier und dann wird zuerst der Publikumspreis verliehen, der an eine sichtlich begeisterte Lola Randel mit ihrem Werk: “Der grosse Garten” geht.

Lola Randl gewinnt den Publikumspreis

Dann steht auch die Siegerin fest: Angela Lehner mit “Vater unser” gewinnt den siebten Franz-Tumler-Literaturpreis.

Angela Lehner gewinnt den Franz-Tumler-Literaturoreis 2019

Das exklusive Foto vom Vorabend, von der Eröffung des Franz-Tumler-Preises – Angela Lehner und Lola Randl

Frau Lehner lächelt, ja sie strahlt, wenn auch sie ihrer ironischen Art treu bleibt. Welch eine Frau, welch ein Buch! Erneut hat Laas bewiesen, dass Literatur einen ganzen Ort ergreifen, gar bewegen kann und Freude für die Literatur und Kunst mobilisiert, das strahlt hoffentlich weit über die Landesgrenzen hinaus. Beim herrlichen Buffet wird nun gefeiert, wir sind ergriffen und berauscht von wertvollen Gesprächen, freundschaftlichen Banden, die vor zwei Jahren geknüpft, sofort wieder funktionieren, von einer Region, die etwas zu vermitteln vermag, das wohl nur hier mit einer solchen Leidenschaft funktioniert. Laas hat nicht nur den schönsten Marmor der Welt, Marillen und Äpfel, Laas hat einen Literaturpreis, einen hoch professionellen, der sich seinen Charme bewahrt, der bewegt, der Generationen verbindet und nachhaltig ein kulturelles Miteinander fördert und auf eine Art und Weise lebt, wie ich das noch nirgendwo sonst je erleben konnte. Wir feiern und philosophieren bis tief in die Nacht hinein, freuen uns an den wertvollen Kontakten, die hier geknüpft werden können. Dankbar sind wir, den Sohn des Franz Tumlers mit seiner Frau Gemahlin antreffen zu dürfen, welche eigens aus Wien angereist sind. So ist das eben mit der Magie von Laas, auch wir reisten gute sechs Stunden an, andere noch länger, aber Laas erleben, den Franz-Tumler-Preis erleben zu können, das ist eben etwas so Kostbares und Rares wie wir es in der heutigen Zeit nur ganz selten erleben können. Wir gratulieren von Herzen der Gewinnerin Angela Lehner, allen Nominierten und der famosen Jury wie auch allen vom Organisationsteam in Laas!

Über den Ofenpass …

Bei Bilderbuchwetter und in Hochstimmung traten wir die Heimreise an, versorgt mit Brot und Marillenkonfitüre von Wilfried Stimpfl und dessen Frau sowie unvergesslichen Eindrücken aus Laas. In den Zehn-Uhr-Nachrichten auf Rai Südtirol, welche unterwegs ins Val Münstair liefen, verkündete “unser” Moderator Christoph Pichler, ohne sich Insiderwissen anmerken zu lassen, ebenso profesionell die Gewinnerin des Franz-Tumler-Literaturpreises vom Vorabend!

… und den Flüelapass

Website: https://www.tumler-literaturpreis.com/

Broschüre: https://www.tumler-literaturpreis.com/tl_files/tumler/images/ausgabe2019/Franz-Tumler-Literaturpreis%202019%20Broschüre.pdf


 

Der siebte Franz-Tumler-Literaturpreis 2019 ist eröffnet!

von links nach rechts: Emanuel Maeß, Bozena Badura (dasdebuet.com), Angela Lehner, Lola Randl, Ich, Niko Stoifberg und unten in der Mitte Marko Dinić

Voller Freude sind wir heute aus dem Berner Oberland nach Laas im Südtirol gereist, bei Bilderbuchwetter über drei Pässe gerollt, sieben Stunden lang, um in Laas den Debütpreis zu begleiten, zu welchem wir bereits vor zwei Jahren eingeladen wurden. Warum nimmt man eine so weite Reise auf sich, mag man sich da schon fragen. Wir kennen die Antwort, Laas ist mehr als eine Reise wert, allein schon mit seiner Dorfgeschichte, seinem Marmor und eben dem Franz-Tumler-Literaturpreis bietet Laas enorm viel. Laas hat eine Leidenschaft, eine Ausstrahlung und eine literarische Energie, die ich noch nirgendwo sonst so erleben durfte. Dieses Jahr ist der Sohn Franz Tumlers sogar mit seiner charmanten Frau angereist und lockert die Eröffnung des Preises mit gehaltvollen wie auch ironischen und einfach exakt passenden Worten auf. Aber man lauscht allen gerne, die an diesem Abend das Wunder von Laas aufleben lassen, die Lust an neuer Literatur! Laas mobilisiert Schüler und die ganze Gemeinde, alle brechen in Lesefieber aus. Wenn der Dorfhistoriker Wilfried Stimpfl Bilder und Wissenswertes aus Laas vermittelt, ist man hin und weg und lauscht seinen Worten völlig hingerissen. Laas setzt auf ein bewährtes Konzept, es heisst Qualität. Hochstehend die Jury und auch das Organisationsteam, was beständig mehr Publikum nach Laas bringt. Kurzweilig ist diese Eröffnung des Preises und alle werden im Anschluss daran kulinarisch verwöhnt mit einer himmlisch feinen Suppe und leckerem Wein. Hier finden Autoren und Autorinnen, Juroren und Jurorinnen und auch Gäste mühelos zueinander, so etwas gibt es wohl wirklich nur in Laas. Morgen wird es spannend weitergehen, der Tag wird im Zeichen der Finalistinnen und Finalisten und deren vielseitigen Werken stehen das wird ein Hochgenuss, ein famoses Literaturfest!


https://www.youtube.com/watch?v=PXg5dgjl3Dk&t

Wilfried Stimpfl in seinem Element


 

Wie vor zwei Jahren darf ich am 19. und 20. September 2019 zusammen mit meinem Mann den Franz-Tumler-Literaturpreis für zeitgenössische deutschsprachige Debütromane in Laas im Südtirol begleiten und darüber berichten. Wir freuen uns sehr darauf!

Folgende fünf Debutromane sind dieses Jahr nominiert:


 

Marko Dinić: Die guten Tage. Zsolnay Verlag, Wien 2019.
Nominiert von Gerhard Ruiss

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Marko Dinić: Die guten Tage


 

Angela Lehner: Vater unser. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2019.
Nominiert von Gabriele Wild

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Angela Lehner / Vater unser


 

Emanuel Maeß: Gelenke des Lichts. Wallstein Verlag, Göttingen 2019.
Nominiert von Daniela Strigl

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Emanuel Maess / Gelenke des Lichts


 

Lola Randl: Der Große Garten. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019.
Nominiert von Hans-Peter Kunisch


 

Niko Stoifberg: Dort. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2019.
Nominiert von Manfred Papst

Buchbesprechung auf lesefieber.ch: Niko Stoifberg / Dort