Gastbesprechung zum Roman von Julia Weber / Immer ist alles schön

by Manuela Hofstätter on 22. Oktober 2017

Bei einem Auftritt in der Ostschweiz entstand eine neue Bekanntschaft für mich, eine Frau hat mich allein mit ihren Worten im Mailaustausch tief berührt. Schnell finden wir etliche Parallelen in unserem Lebenslauf und darum wage ich einen Versuch und bitte sie, den Roman von Julia Weber auch zu lesen und sich mit mir darüber online auszutauschen. Charlotte lässt sich spontan darauf ein und schnell ist es so weit, sie hat das Buch gelesen, schon während des Lesens haben wir uns intensiv mit unseren Wahrnehmungen zum Buch auseinandergesetzt, denn wir haben eine drastische Parallele entdeckt, beide haben wir eine Mutter gehabt, die uns im Roman vertraut vorkommt, das ist eine heftige Leseerfahrung und es zeugt von einem spontanen Vertrauen, welches wir uns gegenseitig schenken. Wir merken auch, das können wir so nun nicht der Öffentlichkeit preisgeben, aber die Idee einer Gastbesprechung auf lesefieber.ch nimmt Gestalt an und durch den Kunstgriff, unter Pseudonym zu schreiben, erhält Charlotte auch einen gewissen Schutz, denn im Gegensatz zu der Situation bei mir, lebt Charlottes Mutter noch. Entstanden ist eine Freundschaft im Netz, welche wir pflegen und möglichst bald auch von Angesicht zu Angesicht vertiefen wollen und eine wie ich finde herausragende Buchbesprechung von Charlotte. Doch bitte lest selbst:

Julia Weber / Immer ist alles schön

Immer ist alles schön. Findet die Mutter. Die Kinder nicht. Anais und Bruno leben mit ihrer kranken Mutter zusammen. Die Mutter trinkt, arbeitet in einer Bar und tanzt dort an der Stange. Sie ist schön. Der Alkohol ist ihr ständiger Begleiter. Zwischendurch nimmt sich die Mutter vor, nicht zu trinken. Den Kindern zu liebe. Die Verlockungen sind aber zu gross. Den gut gemeinten Vorsatz wirft sie schnell über den Haufen.

Die Kinder ziehen sich bisweilen in eine Fantasiewelt zurück. Die grosse Schwester Anais versucht, ihren kleinen Bruder Bruno aus dem alltäglichen Elend herauszuholen. Sie kümmert sich um ihn. Er ist ein Einzelgänger. In der Schulpause ist er immer alleine. Anais hingegen ist ein Teenager, der sich verliebt hat. Maria, ihre Mutter, gibt ihr Liebestipps. Viel mehr Unterstützung kann die Mutter nicht geben. Sie ist entrückt von der Welt und von sich selber. Sieht ihre Kinder nicht mehr. Die Mutter bringt Frank mit nach Hause. Für eine kurze Zeit im Leben der Kinder entsteht so etwas wie ein Familiengefüge. Frank kocht, macht Ausflüge mit ihnen. Aber die Mutter hält diese Situation nicht lange aus. Frank wird aus ihrem Leben gestrichen. Und auch aus dem Leben der Kinder.

Anais und Bruno erleben ihre Mutter meistens unter Alkoholeinfluss. Sie sind oft alleine. Denn die Mutter arbeitet abends und in der Nacht. Tagsüber muss sie schlafen. Die Mutter läuft nackt in der Wohnung herum. Beim kleinsten Problem greift sie zu Flasche und Zigarette. Die Kinder nehmen die Mutter gegen aussen hin in Schutz. Wir haben alles im Griff. Immer ist alles schön. Es gibt Momente, da kuscheln die Kinder mit ihr im Bett. Aber die Mutter stinkt. Nach Alkohol, Zigaretten, Männern. Der sonst so stille Bruno sagt ihr: Mama du stinkst. Ich will so nicht kuscheln. Die Mutter reagiert. Plötzlich ist sie weg. Die Kinder sind nun alleine. Die Dinge nehmen ihren Lauf.

Fazit: Ich mag dieses Buch. Wieso? Es ist meine Geschichte. So in etwa. Auch die Geschichte so vieler anderer Kinder. Gestern, heute, morgen. Julia Weber schreibt in einer für mich doch recht poetischen Sprache. Anfangs hatte ich Mühe damit. Gebe ich zu. Aber aus Sicht der Kinder macht es absolut Sinn. Ich habe vieles wiedererkannt: Die Verwirrung, weil man die eigene Mutter nicht mehr kennt, erkennt. Den Ekel vor der eigenen Mutter. Die hilflosen Situationen, deren man ausgesetzt ist. Das Alleinsein. Mit sich selber, der Situation. Die Verantwortung für einen jüngeren Bruder. Aber auch für die Mutter. Das Verleugnen der Situation gegen aussen hin. Wenn man die eigene Mutter im betrunkenen Zustand erlebt, wallen immense Gefühle in einem hoch: Scham, Furcht, Ekel, Hilflosigkeit, Verletzlichkeit, Wut, Trauer. Ich musste lernen meine Mutter zu lesen. Damit ich einigermassen leben konnte. Manchmal kam es mir vor wie ein überleben. Es kam der Zeitpunkt, da wollte ich die Mutter nicht ärgern. Ich wollte sie nicht auf mich/uns aufmerksam machen. Wir schlichen in der Wohnung umher, nur um sie nicht aufzuwecken. Ich wollte unsichtbar sein. Nur damit sie nicht böse wird. Oder einfach nur, damit sie keinen Grund hat noch mehr zu trinken. Das Schlimme daran ist, dass man Angst von seiner eigenen Mutter bekommt. All diese Gefühle verursachen eine grosse Unsicherheit und Leere in einem. Jeder Tag wird zum Überlebenskampf. Mit der Mutter, mit der Gesellschaft. Mit einem selber.

Durch den speziellen Sprachstil hat Julia Weber für mich diese verstörende, traurige Geschichte sehr schön erfasst. Sie versteht es ausgezeichnet, die Emotionen und Stimmungen einzufangen. Dieses Buch hat mir Erinnerungen zurückgebracht. Aber ich habe auch Frieden und Trost darin gefunden.

Charlotte Hasler

Danke Charlotte, du bist für mich eine Bereicherung und eine wunderbare Begegnung schon jetzt, ich schöpfe Kraft und Lebenslust aus unserem Austausch und ich freue mich auf eine Auszeit mit dir im realen Leben, welche wir hoffentlich bald verwirklichen können werden.

Manuela Hofstätter

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Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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