Gastbesprechung zum Roman von Sibylle Berg / GRM

by Manuela Hofstätter on 29. Oktober 2019

Gastbesprechung einer famosen Frau, welche viel zu weit weg von mir wohnt! Danke Sandra für diese geniale, treffende Besprechung!

1948 erschien «1984» von George Orwell. Diese Geschichte war damals reinste Science-Fiction. Ich habe das Buch vor ein paar Jahren gelesen und fand es aktueller denn je. Nun haut uns Frau Berg mit GRM Brainfuck eine digital beeinflusste, gesellschaftliche Entwicklung, ungeschönt um die Ohren. Dieses Buch ist eine Wucht. Sie präsentiert uns eine digitalisierte Welt der Zukunft. Der Zukunft oder ist es schon Realität? Diese Geschichte konnte ich nicht einfach so locker flockig lesen. Dieser Roman fordert den Leser heraus. Man denkt automatisch darüber nach. Über die Protagonisten mit ihren verschiedenen Lebenssituationen aber auch über sein eigenes digitales Verhalten. Immer wieder musste ich das Buch nach einigen Seiten weglegen. Und nachdenken. Einige Male war mir fast unwohl, weil ich behütet auf meinem Sofa sitze und die Protagonisten des Romans mit abscheulichen Widerlichkeiten zu kämpfen haben.

Neben dem Schicksal von vier Kindern, die schnell erwachsen werden müssen, wird schonungslos über die Schere zwischen Arm und Reich erzählt. Die vier Kids kommen aus sozial schwachen Familien. Jede Familie hat ihr eigenes Schicksal, dass die vier aber trotzdem irgendwie verbindet. Die Kids fallen durch das soziale Netz, das eigentlich gar nicht vorhanden ist. Jedes der Kinder macht seine Erfahrungen. Sei es mit suchtkranken Eltern. Mit teilnahmslosen und überforderten Eltern. Oder einfach mit dem Schicksal das Übel mitspielt. Mit dem Sterben und einem gnadenlosen System. Irgendwann ist jedes dieser Kinder mit seiner Geschichte auf sich selbst gestellt. Durch ihre persönlichen Erlebnisse handeln sie – jeder auf seine Art und Weise.

Gleichzeitig wir die Digitalisierung vom Staat vorwärtsgetrieben. Viele Jobs verschwinden. Der Staat «hilft» mit einem Grundeinkommen. Dieses Grundeinkommen ist an Bedingungen geknüpft. «Cool, eine Bodycam!» «Großartig, wir sind gechippt! Wir brauchen kein Bargeld mehr.» «Ach herrje: Ich war in eine Schlägerei verwickelt. Jetzt krieg ich einen Abzug bei meinen Bonuspunkten». «Hey, ich habe einer alten Dame über die Strasse geholfen – das gibt Bonuspunkte». Wie kann die Regierung die Menschen überwachen? Algorithmen und Drohnen erledigen das. Der Einfluss liegt aber auch bei den Programmierern. Totalüberwachung und Manipulation. Big Brother is watching you. Die Bevölkerung stumpft grösstenteils ab oder erkennt den Ernst der Lage nicht. Viele die keinen Job und keine Wohnung mehr haben, sind hoffnungslos und resignieren nur noch. Eine Gruppe von Hackern möchte mit einer Aktion aufklären, wird nicht ernst genommen und scheitert.

Das Buch ist nicht nur wegen der Thematik so wuchtig. Mir hat die Sprache gefallen. Rau, ungeschönt, direkt. Wenn Frau Berg von GRM der Musik der Jugend erzählt, meint man fast, es selbst zu hören. Die Geschichte spielt in England. Irgendwie kam mir immer der Film «Trainspotting» in den Sinn. Ich hatte den einen Filmsong (Born Slippy von Underworld) in den Ohren. Mein persönlicher GRM Soundtrack. Ich war mittendrin und nicht nur dabei. Ich liebe die Technologie. Mein Smartphone mit den praktischen Apps. Das Internet, E-Banking. Ich bin ihr aber nicht verfallen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich ziemlich analog aufgewachsen bin. Aber wie weit wollen wir diese Entwicklung zu lassen? Kann die Menschheit der Digitalisierung gegenüber kritisch bleiben? Was wissen wir wirklich?

Sandra Dell Agnolo

Buchbesprechung von mir auf lesefieber.ch:
Sibylle Berg / GRM: Brainfuck

Manuela Hofstätter

Habt keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie ganz harmlos.
Manuela Hofstätter

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